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Neue Ausstellung auf psychiatriegepraech.de

Surf-Tipp:

Besuchen Sie die neue Ausstellung von Cornelia Neuwirth auf unserer Fachseite "Psychiatriegespräch":

Einsam in der Menge

Castingshows als Gesundheitsrisiko?

"Wer sich bei Castingshows auf die Bühne stellt, muss ein dickes Fell haben: Die Sendeformate kratzen am Selbstwert. Unter Dieter Bohlen und seinen Kollegen haben auch talentierte Freaks zu leiden."

Ein interesssanter Kurzartikel von Jörg Zittlau über offenbar nicht seltene negative psychische Auswirkungen der Castingshow DSDS auf die Teilnehme (Quelle: Web.de in Kooperation mit der Tageszeitung "Die Welt").

IV und Schmerzen – Fallbeispiel im "Beobachter"

Die im Rahmen der verschiedenen IV-Revisionen immer systematischer und mit Hilfe der aktuellen Rechtsprechung immer rechtsverbindlicher erfolgende Zurückweisung kranker Menschen mit schwer objektivierbaren Diagnosen (z. B. Schmerzstörungen) führt ebenso systematisch und immer unübersehbarer zu psychischen Folgeschäden. Zur Verzweiflung an der meist fehlenden wirksamen medizinsche Hilfe kommt die bittere Erkenntnis, von Versicherungen und vielen Ärzten nicht ernst genommen zu werden sowie – vielleicht am Schlimmsten – die quälende Scham, von der Öffentlichkeit als "Sozialschmarotzer" wahrgenommen zu werden. Dabei wäre den Biographien oft leicht zu entnehmen, dass viele der Betroffenen bis zum Eintreten des Schadensereignisses leistungsfähige Mitglieder der Gesellschaft waren und sich die allermeisten mit der "Rolle" als Invalide sehr schwer tun. Es ist eben nicht nur ein Mythos, dass gesunde Menschen gerne etwas leisten!

Ein eindrückliches Fallbeispiel sowie ein kurzer Einblick in einige aktuelle juristische Fragestellungen finden sich in der Online-Ausgabe 16/13 des "Beobachter"

Weg der Hoffnung

Schon als Kind merkte ich, dass ich anders bin als alle anderen Kinder. Ich war immer eine Aussenseiterin. Ich fühlte mich immer einsam und allein und von allen Menschen unverstanden und ungeliebt. In der ganzen Schulzeit wurde ich von allen ausgeschlossen, ausgelacht, geplagt und gehänselt. Jeden Tag war es für mich die Hölle, aufstehen zu müssen, um in die Schule zu gehen. Ich hatte nie jemanden zum Reden und frass all meine Probleme und Sorgen in mich hinein. Niemand war je für mich da und niemand sah wie schlecht es mir ging.

Abends wenn ich weinend im Bett lag und nicht mehr weiter wusste, betete ich zu Gott und bat ihn um Hilfe. Doch leider wurde es immer schlimmer. Meine Ängste wurden so schlimm, dass ich Pankattacken bekam. Ich fühlte mich von Gott im Stich gelassen. Ich fing an daran zu zweifeln, dass es einen Gott gibt und verlor dann immer mehr den Glauben.

Endlich war ich erwachsen und kam in die Arbeitswelt. Ich musste nicht mehr zur Schule. Ich verdrängte meine psychischen Probleme und versuchte, so gut wie möglich durchs Leben zu gehen. Trotz weiteren schlechten Erfahrungen schien es ein paar Jahre gut zu gehen. Eines Tages wurde mir dann bewusst, dass es so nicht mehr weitergehen kann und dass ich dringend professionelle Hilfe benötige. Denn meine psychische Verfassung wurde mit Verdrängen nicht besser, sondern nur viel schlimmer. Angst und Panik wurden zu meinen ständigen Begleitern. Ich kam mit meinem Leben nicht mehr klar und bekam immer mehr Depressionen.

Irgendwann hatte ich einen Nervenzusammenbruch, und von da an ging gar nichts mehr. Ich konnte nicht mehr arbeiten. Ich fühlte mich wertlos und von der Gesellschaft nicht mehr akzeptiert. Nichts schien mehr zu funktionieren. Ich lebte nur noch depressiv, ziel- und hoffnungslos in den Tag hinein. Ich sah keinen Sinn mehr in meinem Leben.

Ich hatte schon viele Male Suizidgedanken in meinem Leben, wenn ich keine Kraft mehr hatte. Doch von irgendwo kam dann stets ein Lichtblick her, dass ich es schaffte, weiter zu kämpfen und nicht aufgab. Gab mir die tiefe Liebe zu meiner Familie und zu meinen Freunden Kraft? Oder gibt es doch einen Gott, der mir half es durchzustehen? Ich weiss es nicht. Doch was ich weiss ist, dass ich froh bin, heute im Tageszentrum sein zu dürfen. Seit ich hier bin, habe ich wieder ein Ziel vor Augen sowie einen Sinn und Menschen, die mich verstehen und akzentieren, so wie ich bin. Ich habe hier auch Seelenverwandte gefunden, wo sich schöne Freundschaften entwickelt haben. Das Tageszentrum gibt mir wieder Hoffnung!

(33 jährige Patientin, Veröffentlichung erfolgt mit ausdrücklicher Genehmigung)

Psychisch krank – Was sage ich wem? Zum Umgang mit dem psychiatrischen Stigma

Eine der häufigsten Sorgen meiner Patientinnen und Patienten kreist um die Frage des richtigen Umgangs mit ihrer Erkrankung gegenüber ihrem sozialen und insbesondere auch beruflichen Umfeld. Typische Fragen an mich lauten: "Wie verhalte ich mich gegenüber meinen Freunden?" "Soll bzw. muss mein Arbeitgeber von meiner psychischen Krankheit erfahren?" "Was sage ich wem?" Der Wunsch nach Offenheit konkurrenziert mit Ängsten vor sozialer Ablehnung und beruflichen Nachteilen. Diese Ambivalenz ist Ausdruck eines tatsächlich vorhandenen und ungelösten gesellschaftlichen Problems: dem psychiatrischen Stigma.

Mit dem psychiatrischen Stigma wird die Tatsache bezeichnet, dass ein Mensch, bei dem einmal eine psychische Problematik bekannt geworden ist, praktisch lebenslang mit dieser Problematik identifiziert bleibt, das Etikett "psychisch krank" also in den Augen der Gesellschaft (und meist auch in den eigenen) nie wieder los wird. Damit verbunden ist im sozialen und beruflichen Umgang ein Verlust der "gleichen Augenhöhe", im persönlichen Empfinden zumeist eine bedeutsame Minderung des Selbstwertgefühls, die auch in völlig krankheitsfreien Phasen nie ganz abgelegt werden können. Die Stigmatisierung durch eine psychische Krankheit entwickelt oft eine Eigendynamik und hat langfristige negative Auswirkungen auf die Betroffenen, die bei sensiblen Patienten durchaus den Charakter einer eigenständigen "Zweiterkrankung" annehmen können. Ich habe nicht selten Patienten erlebt, bei denen sich ständige neue seelische Verletzungen durch ein stigmatisierendes Umfeld zum gravierendsten Heilungshindernis auswuchsen.

Es ist sicher nicht möglich und sinnvoll, eine einfache Antwort für jede Betroffene/jeden Betroffenen und jede Situation zu geben. Wegen der grossen Bedeutung dieser Problematik sowohl für den Heilungsverlauf als auch für die Chancen einer gelingenden sozialen und beruflichen Re-Integration möchte ich hier dennoch eine Art "Grundhaltung" skizzieren, die sich in vielen Jahren der Auseinandersetzung mit dieser Thematik für viele Fälle als praktikabel und als der beste "Kompromiss" herauskristallisiert hat. Diese Grundhaltung erwächst aus der Überzeugung, dass

  1. das Stigma, wenn es einmal aufgetreten ist, nicht mehr überwunden werden kann
  2. ein verantwortungsbewusster Umgang mit einer psychischen Erkrankung gleichermassen die Bedürfnisse des sozialen und beruflichen Umfeldes sowie das eigene Schutzbedürfnis reflektieren muss
  3. die Verhinderung einer Stigmatisierung – sofern sie mit einem verantwortungsbewussten Umgang vereinbar ist – stets die favorisierte und anzustrebende Lösung sein muss

Ich empfehle deshalb meinen Patienten, mit ihrer psychischen Erkrankung ähnlich zu verfahren, wie sie es mit einer körperlichen Erkrankung tun würden. Ist das Leiden unübersehbar bzw. längerfristig nicht zu verbergen, kann man auch das Stigma nicht vermeiden und muss einen möglichst würdevollen Umgang finden. Offenheit führt hier bei Freunden und Arbeitgebern oft (aber nicht immer) zu den besten Ergebnissen. Ist das Leiden hingegen ausgeheilt und ein Rezidiv nicht in Sicht, empfehle ich heilsames Schweigen. Es wäre doch sehr merkwürdig, wenn jemand in seinem Bewerbungsschreiben oder im Ausgang von seiner Hämorrhoiden-Operation oder einer früheren Gallen-Kolik erzählt, sofern dies für die zukünftige Arbeitstätigkeit oder den gelungenen Abend mit Freunden keinerlei Relevanz hat. Liegt hingegen eine ernsthafte, ansteckende oder gar todbringende Krankheit vor, die absehbar die Arbeitsleistung einschränken oder die Stimmung im Ausgang belasten wird, gebietet es die Verantwortung und Fairness gegenüber dem zukünftigen Arbeitgeber bzw. den Freunden, zumindest soweit über die Situation aufzuklären, dass sich jeder davon Mitbetroffene ein angemessenes Bild machen und seine Konsequenzen daraus ableiten kann.

Haben Sie eigene Erfahrungen mit psychiatrischer Stigmatisierung und/oder Idee, wie man diese vermeiden oder mit ihnen umgehen kann? Dann freue ich mich auf Ihre Kommentare!

 


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