Nach Willen von Pascal Couchepin und Genehmigung durch den Bundesrat gibt es mit Stichtag 01.01.07 in der schweizerischen Sozialversicherungsmedizin im Bereich Psychotherapie faktisch keine eigenständige ärztliche Tätigkeit mehr, sondern nur noch "delegierte Psychotherapie". Konnte bislang jeder Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit einer Abrechnungsnummer psychotherapeutische Behandlungen, die den üblichen Sitzungsrahmen nicht überstiegen, selbständig durchführen, darf er ab 2007 nicht einmal selber entscheiden, ob nach den ersten 6 Sitzungen die Behandlung überhaupt weitergeführt werden darf oder nicht! Stattdessen gilt eine neue Meldepflicht: mittels eines speziellen Formulars muss jeder Psychiater und ärztliche Therapeut nach spätestens 6 Sitzungen eine Meldung an den Vertrauensarzt der entsprechenden Krankenkasse machen, und d i e s e r entscheidet dann, ob die Psychotherapie angebracht ist oder nicht. Die Wahl des Meldezeitpunkts nach 6 Sitzungen schliesst definitiv aus, dass auch nur eine wirklich indizierte psychotherapeutische Behandlung der Meldepflicht entgeht. Denn es entspricht der Lehrmeinung, dass sich Psychotherapien auch in "lcihteren Fällen" nicht in 6 Sitzungen abschliessen lassen. Besonders exquisit: Die "Vertrauensärzte" müssen für ihre neu gewonnene Kompetenz nicht einmal über eine psychiatrisch-psychotherapeutische Ausbildung verfügen. Sie müssen lediglich als "Vertrauensärzte" arbeiten, d. h. von der "anderen Seite" bezahlt werden und deren "Vertrauen" geniessen…
Diese Entscheidung von Herrn Pascal Couchepin ist im Grunde ein Skandal. Denn sie sagt nichts anderes, als dass die Politik einen Generalverdacht gegenüber den vor Ort praktizierenden psychiatrischen Fachärzten hegt und diese entweder fachlich nicht für geeignet hält oder ihnen eine schädliche Gesinnung unterstellt und ihnen deshalb die Entscheidungsgewalt über ihre ureigendste berufliche Tätigkeit entziehen muss.
Dass diese Massnahme ohne jede weitere Begründung daherkommt, ist der zweite Skandal. Denn wenn es tatsächlich so wäre, dass die niedergelassenen und zu Lasten der Sozialversicherungsträger tätigen Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie überwiegend unqualifiziert und/oder von ihrer Gesinnung her nicht vertrauenswürdig wären, dann wäre dies ein Problem mit einer gewaltigen Dimension, man müsste dann
1. Zuallererst mal den Nachweis erbringen, dass dem wirklich so ist
2. die Betreffenden Ärzte aus dem Verkehr ziehen und ggf. bestrafen! (Denn wenn ich einem Facharzt nicht einmal zutraue, aus welchen Gründen auch immer, über die Indikation zu einer Psychotherapie zu entscheiden, wie soll er dann in der Lage sein, die Behandlung durchzuführen. Vor einer nicht vertrauenswürdigen Gesinnung müsste der Patient auch geschützt werden.
3. die Patienten bzw. das Volk informieren (!) und
4. die medizinischen Weiterbildungsinstitute und Qualifizierungsstellen, die den Fachärzten ihre Qualitäten ja bescheinigt haben zur Rede stellen
Bisher hat Herr Pascal Couchepin, von dem die Aktion ausgeht, nicht einmal den ersten Punkt erfüllt: den Nachweis.
Ohne den Nachweis, dass ein Grossteil der niedergelassenen Psychiater und Therapeuten tatsächlich fehlerhaft arbeitet, lässt sich ein so massiver Eingriff in die ärztliche Arbeit und Kompetenz nicht rechtfertigen. Noch weniger kann Herr Couchepin begründen, weshalb die Entscheidung über Stattfinden oder Nicht-Stattfinden einer Psychotherapie besser bei den Angestellten Ärzten der Versicherer aufgehoben sein sollte als bei den behandelnden Ärzten vor Ort, wieso das Schicksal der Patienten dort in besseren Händen sein soll als beim behandelnden Arzt. Die Tatsache, dass "Vertrauensärzte" aufgrund ihrer delikaten Verquickung mit ihren Auftraggebern eigentlich vorrangig immer wieder neu den Verdacht der Befangenheit oder sogar Korruption entkräften müssten und die Frage, wie sie solche im System verankerten "Schwierigkeiten" meistern, wird nicht einmal aufgeworfen.
Und genau deshalb ist dieser Skandal besonders gross und müsste zu einem landesweiten Protest führen. Es geht hier nicht nur um die Psychiater. Nach diesem "Modell" (Kompetenzentzug aufgrund von Unterstellungen ohne jeden Nachweis) kann jedem medizinischen Fachbereich sehr schnell dasselbe Schicksal blühen, wenn sich die Politik nur damit einen Spareffekt verspricht.
Lesen Sie auch die Stellungnahme von Chefarzt Dr. med. Gerhard Ebner