Managed Care – selbstloses Selbstreinigungssystem, unwiderstehliche Komplettlösung oder einfach das Gegenteil von freiem Wettbewerb?

"Managed Care", dieser Begriff steht für eine tiefe Zäsur im gesundheitspolitischen Denken. Die Befürworter behaupten, Managed Care führe gleichsinnig zu einer

- Optimierung medizinischer Abläufe,
- Steigerung der "Effizienz" des Gesundheitswesens,
- Steigerung der "medizinischen Qualität" und
- Senkung der Gesundheitskosten

Über Risiken und Nebenwirkungen bzw. irgendeinen "Preis", den man für soviel Optimierung zahlen muss, erfährt man von den Befürwortern nichts.
Managed Care gilt zur Zeit als eine Art "nebenwirkungsfreie Komplettlösung für Gesundheitspolitiker".

Schön wäre es natürlich, wenn es so etwas gäbe – ein System, vergleichbar mit einem perpetuum mobile, das, wenn es einmal läuft, sich immer weiter von selber optimiert und dabei immer weniger kostet. Ein selbstloses Selbstreinigungs-System…;-)

Aber so ist es natürlich nicht! Auch Managed Care hat seinen Preis. So viel vermeintlich "Gutes" gibt es nicht umsonst. Und bereits ein kurzer Blick zeigt: der zu zahlende Preis ist ganz enorm hoch:

Denn "Managed Care" bedeutet zum Beispiel

1. dass jeder in so einem Netzwerk arbeitende oder solch einem (Knebel-)Vertrag unterworfene Arzt nicht mehr nur dem Wohl seines jeweiligen Patienten verpflichtet ist, sondern auch einem von aussen vorgegebenen Budget, welches er nicht überschreiten darf. Bei jedem Patienten, der ihn um Hilfe bittet muss er also zusätzlich überlegen, was dessen Behandlung kosten wird, wieviel vom Budget noch übrig ist, ob das Geld dann auch noch für andere seiner Patienten reicht, wie teuer die Behandlung also werden darf, ob sich das bei diesem Patienten überhaupt (noch) lohnt…usw…

2. den Verzicht auf einen freien Zugang zum Arzt des Vertrauens für jeden Patienten, unabhängig von dessen materieller Situation

3. die freiwillige Beschränkung auf eine "Standardmedizin" für "Standardkrankheiten" und "Standardpatienten". Die eigentliche ärztliche Kunst, die ärztliche Erfahrung etc. können ja bekanntermassen erst jenseits von "Standards" zur Entfaltung kommen. Bei Managed Care sind "individuelle Behandlungen" kaum noch möglich, der Arzt käme in jedem einzelnen Fall in einen erheblichen Rechtfertigungsdruck. Die Leidtragenden einer "Standardmedizin" sind alle Menschen, die nicht an einer unkomplizierten Standarderkrankung leiden, also die Mehrzahl der alten Menschen mit Mehrfacherkrankungen, chronisch kranke Menschen, psychisch kranke Menschen, HIV-Kranke, Krebs-Kranke, aber selbst Zuckerkranke mit Komplikationen.

"Managed Care" ist de facto eine "feindliche Übernahme" der medizinischen Lehre und Arbeitsweise durch das Management und die Ökonomie. Mit freundlicher und aktiver finanzstarker Unterstützung der Regierung, die deshalb erforderlich ist, weil weder Patienten noch Ärzte solch ein System für sachdienlich befinden und freiwillig akzeptieren! In der Schweiz zum Beispiel haben sich die sogenannten HMO-Modelle im freien Wettbewerb mit der herkömmlichen freien Arztwahl trotz Prämienersparnis nicht durchsetzen können und wurden von den Versicherern z. T. wieder zurückgezogen!

Managed Care ist das Gegenteil von freiem Wettbewerb! Es ist der Versuch, mit Hilfe eines komplexen und teilweise erzwungenen Vertragswerkes zwischen Ärzten, Versicherern und anderen "Akteuren" des Gesundheitssystems das Leiden kranker Menschen und die Suche nach Lösungen "standardisierbar", "effizient", "kontrollierbar" und "für den Gesundheitsmarkt verwertbar" zu machen. Denn natürlich sind die neuen Gesundheitsmanager und Gesundheitsökonomen keine caritativen und gemeinnützigen Einrichtungen, die nur ihre Unkosten decken wollen… Diese neuen Akteure im Gesundheitswesen zielen natürlich auf den "Gesundheitsmarkt", sie wollen die Kranken und ihre Ärzte so organisieren, dass am Ende Gewinne abfallen. Und das Vertragswerk von "Managed Care" bedeutet erstmals eine Unterordnung des eigentlichen ärztlichen Auftrags unter die ökonomischen Interessen. Managed Care zwingt Ärzte in eine fortgesetzte Auseinandersetzung mit Finanzexperten und Juristen von mächtigen Versicherern, in der sie niemals "auf Augenhöhe" sein und nur verlieren können. Es ist unsinn zu sagen, der neue Arzt müsse eben auch Manager sein. Denn er ist es eben nicht, er hat dies nicht gelernt und hat, da er ja auch Arzt auf höchstem Niveau sein soll, auch gar nicht die Kapazität dazu. Wer Versicherer auf diese Weise gegenüber den Ärzten und anderen medizinischen "Leistungserbringern" stärkt, liefert letztlich die Medizin und die kranken Menschen medizinfremden Interessen, also dem Gesundheitsmarkt, aus. Das ist der höchste Preis, der für die Hoffnung auf Kosteneinsparungen gezahlt werden muss und von dem mehr als ungewiss ist, ob er sich aus gesundheitspolitischer Sicht jemals rechnen wird.

Informationen zum Thema Managed Care finden Sie auf der Website des Vereins PSICA

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