Der Geist von "Managed Care" zeigte sich bisher ohne medizinischen Sachverstand und – noch schlimmer – ohne jedes Gespür für die Grundbedingungen einer erfolgreichen ärztlichen Arbeit. Er versucht, die individuelle fachärztliche Beurteilung und Behandlung vor Ort durch Standards zu ersetzen, weil er hofft, sie dadurch auch ohne den besagten
Sachverstand besser steuern und für seine ökonomischen Interessen berechenbarer und effizienter machen zu können. Das Problem liegt auf der Hand: nur sehr einfache medizinische Sachverhalte lassen sich schadlos auf diese Weise standardisieren und zentralisieren. Die unter Managed Care-Bedingungen mögliche medizinische Versorgung ist deshalb nur eine sehr einfache – eine "Standardmedizin" für "Standardkrankheiten" und "Standardpatienten".
Besonders schlimm wird Managed Care deshalb, weil die Macher sich zu den ganz offensichtlichen Grenzen dieses Systems nicht bekennen und die Verantwortung dafür nicht übernehmen wollen. Stattdessen wollen sie uns Ärzte mit unablässiger Propaganda und entsprechenden "Anreizen" davon überzeugen, dass Managed Care ein guter Wohnsitz für eine neue, moderne, aufgeklärte und von altem romantischem Arztdenken (gemeint ist auch die aktuelle medizinische Lehre!) befreite Medizin sei, dass sie sich in diesem Gebäude zu Höchstleistungen aufschwingen könne und dass ihre Inhalte darin erstmals nachweislich gesichert seien.
Managed Care beschränkt sich also nicht darauf, eine Standardmedizin für unkomplizierte Erkrankungen zu geringeren Kosten anzubieten (auch das müsste erst einmal belegt werden), sondern behauptet, der Garant für Medizin auf höchstem Qualitätsniveau zu sein. Das ist im Grunde grössenwahnsinnig, verkennt völlig die Komplexität der medizinischen Sache und wäre eigentlich belustigend, wenn nicht die Propaganda – während Patienten die HMO-Modelle und andere Zänge noch souverän durchschauen und ablehnen – unsere Vertreter in den Berufsverbänden offenbar bereits erreicht und für ihre Interessen sensibilisiert hätte.
Wir sehen uns deshalb in der merkwürdigen Situation, in unserer eigenen Ärztezeitung neuerdings in unerträglicher Redundanz Artikel vorzufinden, die uns darüber aufklären wollen, dass unsere Tätigkeit vor Ort, die wir als Fachärzte auf Basis unserer aufwendigen und kostenintensiven Aus- und Weiterbildung nach Massgabe derselben Fachgesellschaften tagtäglich und mit Erfolg verrichten, nicht wirklich effizient und qualitativ nicht sicher sei und deshalb dringend durch ein zentrales Management ersetzt werden müsse. Man muss sich fragen, was man unseren Vertretern geboten oder wie man sie unter Druck gesetzt hat, dass sie sich so widerstandslos dieser einseitigen Gehirnwäsche unterziehen und dann auch noch die verlangten Unterschriften setzen, die den "Paradigmenwechsel" erst möglich machen.
Wenn das wirklich so wäre, dass man Fachärzte ausser in seltenen Situationen gar nicht braucht, warum reden wir dann nicht zuerst über die Qualität und Bedeutung der medizinischen Lehre und die Länge der Aus- und Weiterbildung und ziehen die Ausbilder zur Verantwortung?