Psychiatrie

Überall Gerede über Leute, die zum Psychiater gehen und sich ein Attest holen, um nicht arbeiten zu müssen. Das sind die, die unser Sozialsystem ausbeuten. So muss es ja bergab gehen. So kann es nicht weitergehen.

Die Rede ist von Menschen, die unverschuldet krank geworden, in eine schwere Lebenskrise geraten sind oder die Orientierung, den Bezug zu sich selbst oder zu anderen Menschen, zur Realität verloren haben. Menschen, die von inneren Stimmen geplagt, von Selbstzweifeln zerfressen und gelähmt, von Ängsten und Panik gequält, von Zwängen beherrscht werden. Auch von Menschen, die einfach überfordert oder erschöpft sind, tief erschöpft.
Probleme und Beschwerden – Behinderungen -, die sich ein Mensch, der bisher das Glück hatte, davon verschont zu bleiben, unter Aufbietung nicht wirklich vorstellen kann. Beschwerden, die sich schleichend entwickeln oder die plötzlich da sind, die über einen hereinbrechen, einen in Besitz nehmen, übermächtig sind. Die das Leben verändern. Und natürlich das innere Erleben.
Viele Menschen, die unverschuldet und plötzlich zu Patienten werden, haben grosse Schwierigkeiten, überhaupt zu erklären, was mit ihnen geschehen ist, warum sie sich zurückziehen, hilflos sind und am üblichen Leben nicht mehr teilhaben und teilnehmen können. Sie fühlen sich schlecht, als Versager, haben Angst oder erfahren von Anderen, dass sie sich verändert haben und Hilfe annehmen sollten. Viele warten lange, viel zu lange, bis sie sich einem Menschen anvertrauen. Es sei denn, die Veränderung ist so unverkennbar, dass sie sie nicht verheimlichen können. Dann schämen sie sich in der Regel besonders, denn sie fühlen sich nicht nur unverstanden, sondern auch nackt und blossgestellt, stigmatisiert.

Arbeitgeber und Mitarbeiter haben in der Regel wenig Verständnis, wenn solche Menschen plötzlich oder schon lange nicht mehr funktionieren und sich gar durch "Auszeiten" zu regenerieren versuchen. Schliesslich bleibt die Arbeit liegen, und man weiss ja auch nicht genau… wenn es sich jeder so einfach machen würde… Noch weniger verstehen sie, wenn solche erkrankten Mitarbeiter sogar eine "ausgestreckte Hand" (wir können doich miteinander reden…) nicht annehmen, weil sie sich schämen oder eben doch kein Vertrauen haben. Angehörige sind oft erschreckt oder verärgert, wenn das Zusammenleben nicht mehr funktioniert und nicht klar ist, warum. Menschen mit behandlungsbedürftigen psychischen Störungen sind, bevor sie zu "Patienten" werden, auch häufig nicht die Umgänglichsten, weder zu Hause, noch am Arbeitsplatz. Es benötigt meist eine Weile, bis sie selber merken und sich eingestehen können, dass etwas wirklich nicht stimmt und sie Hilfe benötigen.

Der Gang zum Hausarzt kann der erste hilfreiche Schritt sein. Aber auch nur, wenn dieser die Bedeutung psychischer Störungen erkannt hat und nicht zu den Ärzten gehört, die die Ängste und Vorbehalte der Gesellschaft vor der Psychiatrie und Psychotherapie teilen. Naturgemäss haben Hausärzte wenig Zeit, sich in die veränderte Welt dieser Menschen einzufühlen und sich mit ihnen auf die oft mühsame Suche nach einer Lösung zu machen. Deshalb ist es ganz entscheidend, dass sehr früh die Überweisung zu einem Psychiater und/oder Psychotherapeuten erfolgt. Zwei Gründe ziehen diesen Schritt oft monate- oder jahrelang hinaus: Die Angst der Patienten vor dem Psychiater und der Stigmatisierung und/oder das Bedürfnis des Hausarztes, es "erst einmal selber zu versuchen".

Viele solcher Menschen, die unverschuldet zu psychiatrischen Patienten wurden und – oft nach längerer Leidensgeschichte – erstmals bei einem Psychiater vorstellig werden, sind ablehnend, voller Angst und in der Gewissheit, jetzt den Tiefpunkt ihrer Existenz erreicht zu haben. Eine oft mühsame Vertrauensarbeit erfolgt, Gespräche, die v. a. der Vereinbarung eines Therapiezieles und der Aufklärung über die Therapie-Möglichkeiten dienen und dem Patienten ein Gefühl vermitteln sollen, wie die Medizin über psychische Störungen denkt, was ein Psychiater oder Psychotherapeut ist, welche Rolle die berüchtigten Psychopharmaka spielen und weshalb es einen Versuch wert sein könnte, Vertrauen zu entwickeln.

Auch der Psychiater und Therapeut hat in aller Regel Mühe, genau zu verstehen, wie es im Innern seiner Patienten wirklich aussieht. Deshalb benötigt eine seriöse Behandlung immer eine Mindestzahl von Sitzungen, um Irrtümer auszuschliessen. Und diese Mindestzahl lässt sich kaum standardisieren, sondern variiert beträchtlich. Ein Therapeut, der immer rasch alles versteht und einen raschen Weg aufzeigt, ist der von Patient, sozialem Umfeld und Kostenträgern gewünschte Therapeut, aber leider meist eine hohle Nuss. Das heisst nicht, dass der umständliche Weg der Richtige ist, sondern dass der kürzeste Weg meist länger ist, als alle sich das wünschen, der Therapeut inbegriffen. Man kann leicht erkennen, dass es deshalb gar nicht hilfreich ist, wenn sich Psychotherapieschulen und Therapeuten unter dem wachsenden Druck von Politik und Kostenträgern einen Wettkampf um die effizienteste und schnellste Therapiemethode liefern, denn diese Kämpfe – egal wer gewinnt – rauben der Psychiatrie und Psychotherapie den Boden auf dem sie steht: die Zeit! Zeit ist in der Psychiatrie und Psychotherapie ein unentbehrliches Rohmaterial, so etwas wie Farbe für den Maler oder Filme für den Fotografen. Genau daran sollte man nicht sparen, wenn man Erfolg haben will.
Psychische Störungen haben in der ICD-10-Klassifikation nur eine Handvoll "Ziffern" zugeteilt bekommen. Diese entsprechen den allseits bekannten "grossen" Störungsgruppen wie Depressionen, Angststörungen, Schizophrenien etc.. Wer nun denkt, aus dieser Klassifikation lasse sich die Welt der psychischen Störungen erfassen, hat nichts begriffen. Leider denken sehr viele Menschen so, und bedauerlicher Weise auch sehr viele ärztliche Kollegen.

Menschen mit einer psychischen Störung dürfen sich also glücklich schätzen, wenn sie überhaupt jemanden finden, der annähernd versteht, was in ihnen vorgeht und was dies für ihre Funktionsfähigkeit und ihr soziales Leben bedeutet. Viele Patienten müssen sich mehreren Therapeuten erklären, bevor sie fündig werden. Und erst dann kann man eigentlich vom Beginn einer angemessenen Behandlung sprechen, wenn es gelungen ist, eine verständnisvolle und tragfähige therapeutische Arbeitsbeziehung zu etablieren.

Viele psychische Störungen führen zu inneren Abgründen und/oder zu einer schweren allgemeinen Beeinträchtigung. Ein sehr häufiges und gesellschaftlich blängst erkanntes, aber falsch beurteiltes Problem ist die Arbeitsunfähigkeit, die sich oft im Verlauf psychischer Störungen einstellt. Die Patienten können oft schlecht erklären, warum sie nicht arbeiten können, der Psychiater und Therapeut muss erkennen, dass es trotzdem so ist und muss den Betreffenden durch ein Attest vor den Belastungen der Arbeitwelt schützen. Weil er ihr nicht gewachsen ist und weiteren gesndheitlichen Schaden nehmen würde.

Es ist gut, wenn der Psychiater und Therapeut die Arbeitsfähigkeit seines Patienten beurteilt, denn er verfügt über die bestmögliche Ausbildung dazu und er hat in aller Regel den besten Einblick in das innere Geschehen seines Patienten erhalten. Leider können das soziale Umfeld, die Gesellschaft, die Versicherungen, die Gesundheitspolitiker und die Gesundheitsökonomen oft weder nachvollziehen, was einen psyschisch kranken Menschen behindert, noch glauben, was der behandelnde Psychiater und Therapeut attestiert. Und deshalb kann der Facharzt seine Patienten immer weniger vor dem Unverstand und dem Zugriff Dritter schützen.

Erfolgreiche ärztliche Tätigkeit aber funktioniert nur über ein tragfähiges Vertrauen zwischen Arzt und Patient. Nur wenn der Patient sich ganz sicher sein kann, dass der Arzt, den er um Hilfe ersucht, ihn schützen kann vor denen, die nicht verstehen, was passiert ist, wird er sich öffnen und sich auf einen therapeutischen Prozess einlassen können. Das gilt übrigens auch für die normale hausärztliche Tätigkeit, aber natürlich in ganz besonderer Weise für die Arbeit mit psychisch kranken Menschen. Diese benötigen einen besonderen Schutz, eben weil sie sich besonders schwer verständlich machen können, und weil schon die Erkrankung an sich als Stigmatisierung empfunden wird.

Wenn also von Menschen, die (noch) gesund sind, über Leute geredet wird, die zum Psychiater gehen und sich ein Attest holen, um nicht arbeiten zu müssen, dann ist das ein Zeichen von Unverstand und an sich natürlich bedauerlich. Denn Krankheit kann jeden Menschen treffen, und das stetige Ansteigen psychischer Störungen in der Gesellschaft sollte dies eigentlich deutlich zeigen.
Wenn aber dieser Unverstand per Gesetz und Kraft des politischen Willens den Weg bis in die Sprechzimmer finden und die ärztliche Tätigkeit in Besitz nehmen darf, wenn man selbst dem Facharzt nicht mehr glaubt, wenn er einen Patient als arbeitsunfähig einstuft, sondern diesen Arzt gleich mit stigmatisiert, nur weil er tut, wofür er ausgebildet wurde, dann nähern wir uns dem Punkt, wo die Heilung psychischer Leiden – und zwar v. a. der schweren psychischen Leiden – nicht mehr möglich ist.

Dann sollten diejenigen, die dem Arzt, Psychiater und Therapeuten sein Handwerk verbieten, aber auch offen die Verantwortung für die Konsequenzen übernehmen. Alles andere ist unfair. Und auch ein bisschen feige…

3 Responses to “Psychiatrie”

  1. Anonym sagt:

    Ziemlich viel "unverschuldet" in diesem Text. Gibt es denn auch die, die selber Schuld sind ?? Ist es nicht ein Symptom von Depressionen auf Schuld fixiert zu sein ??

  2. Franz Engels sagt:

    Hallo

    Danke für Ihren Kommentar!
    Sie haben Recht, das Wort "unverschuldet" kommt, wenn ich richtig nachgezählt habe, dreimal im Text vor und einmal hätte vermutlich auch gereicht… ;-)
    Ich wollte mit meinem Beitrag nicht sagen, dass psychisch kranke Menschen der "Verantwortung" für sich selber und den Umgang mit ihrer Erkrankung entbunden sind. Den Begriff "Schuld" finde ich im Zusammenhang mit Erkrankungen aber grundsätzlich problematisch. Die ausgeprägten Schuldgefühl depressiver Menschen zum Beispiel sind, wie Sie selber sagen, ein Symptom der Krankheit.
    Was genau meinen Sie denn mit dem Ausdruck "selber Schuld"? Können Sie ein Beispiel nennen?

  3. patrick sagt:

    Selber Schuld?!?!?!!!!!
    Ich lebe mit einer Frau zusammen die als Kind vom eigenen Vater misbraucht wurde, an einer Arbeitsstelle vom Chef sexuell belästigt wurde! Wo trifft meine Freundin da nun selber die Schuld? Aber helfen will uns auch niemand im gegenteil durch die psychischen Probleme ist meine Partnerin nicht mehr arbeitsfähig und ich verdiene nicht sehr gut aber anstatt dass meine Partnerin vom Sozialamt unterstützt wird soll ich Ihr alles zahlen wobei ich mitlerweile hoch verschuldet bin durch diesen Entscheid zum Psychiater kann Sie nicht (wir können die Rechnungen nicht bezahlen) ich werde langsam auch Depresiv durch diese Situation (bin etwa ich selber Schuld) Nein !!!!! Unser sogenannte Sozialstaat hat Schuld den anstatt zu helfen will man mein Leben nun zerstören!

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