Veränderte Politik, veränderte Medizin

Ich stelle fest, wie sich die Wahrnehmung und Bewertung von psychiatrischen Patienten und deren Leiden nun auch im "professionellen Lager" verändert. Statt der anfänglichen Proteste gegen die Art, wie psychische Störungen in der Politik neuerdings behandelt und Psychiater und Therapeuten in ihren Beurteilungen inhaltlich unter Druck gesetzt und in Frage gestellt werden, kann man zunehmend beobachten, wie doch eine ganze Reihe Professioneller offenbar einschwenken und selber die Sichtweise der Politik übernehmen. Immer öfter wird auch im kollegialen Austausch von "Sozialmissbrauch" gesprochen. Dabei bleibt unklar, wenn man im Stillen dafür verantwortlich hält, wo man doch selber (zurecht) überzeugt ist, Simulanten früher oder später zu erkennen…

In fachlichen Auseinandersetzungen ist es bereits seit zwei oder drei Jahren erheblich schwieriger geworden, bei Fragen der Arbeits- und Wiedereingliederungsfähigkeit den nötigen Raum für die Problematik des Patienten zu schaffen. Es ist, als sei die Wahrheit plötzlich nicht mehr vermittelbar, dass psychische Störungen oft ganzheitliche Beeinträchtigungen zur Folge haben und deshalb häufig mit Arbeitsunfähigkeit verbunden sind. Als werfe bereits die Beschäftigung mit dem Thema "Arbeitsunfähigkeit und Invalidität durch psychische Krankheit" Schatten auf denjenigen, der das zu gewissenhaft und zu differenziert tut. Ärzte, die sich um Patienten mit psychischen Störungen bemühen, sind zunehmend selber von der Stigmatisierung betroffen, unter der die ihre Patienten schon immer litten.

Die neue Sicht der Dinge ist zugleich die neue medizinische "Wahrheit". Sie ist, weil es so sein soll und weil der Markt dies braucht, einfach und schnörkellos. Kompliziert ist megaout, was kompliziert ist, muss vereinfacht werden. Für die Psychiatrie – von Natur aus eher komplex und kompliziert, gilt dies natürlich in besonderem Masse. Kommunizierbar ist, was einfach ist und von der vorgegebenen Sprache des Manuals abgedeckt werden kann. Einfache Diagnosen, einfache Befunde, einfache Herleitungen. Medizin für einfache Patienten mit einfachen Erkrankungen. Standardmedizin. Sachbearbeiterniveau. Wenn nicht jeder alles versteht, wurde es wohl nicht gut erklärt. Neulich beim kollegialen Austausch: "Du musst das anders formulieren, das versteht der IV-Sachbearbeiter nicht". Zu komplizierter Sachverhalt oder "ungeschickte" Formulierung können bedeuten: Verlust des Versicherungsanspruches für den Patienten! Einerseits: Je umgangssprachlicher, umso verständlicher und desto weniger Nachfragen. Andererseits: "Depression" und "Burnout" hatte fast jeder mal, brauchts da wirklich einen Psychiater? Wer wirklich schaffen will, findet auch einen Weg. Und wer nach Mallorca fliegen oder sich im Café herumtreiben kann, kann auch schaffen. Der Arzt, der die gesellschaftlichen Vorurteile und die Fallstricke im gegenwärtigen Verteilungs- und Machtkampf bei seiner medizinischen Beurteilung berücksichtigt, ist ein guter Arzt.

Es ist selbstverständlich, dass der massiv verstärkte Druck von Politik und Versicherungen entsprechende Reaktionen der Professionellen zur Folge hat. V. a. in den Bereichen, in denen die medizinische Kompetenz vorwiegend aus Erfahrung besteht und sich nicht direkt in Zahlen ausdrücken und messen lässt (z. B. Psychiatrie), sind strategische Reaktionen zu beobachten, die darauf abzielen, sich selber aus der "Schussfläche" zu bringen. Das ist schon deshalb notwendig, weil sich die ohnehin sehr anstrengende eigentliche Arbeit anders im gewohnten Umfang und in der gewohnten Qualität gar nicht aufrecht erhalten liesse. Natürlich gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten dazu, in den Kliniken andere als im niedergelassenen Bereich. Die neue Herausforderung der Professionellen im Gesundheitswesen lautet: keine Kosten zu verursachen bzw. mit steigenden Gesundheitskosten nicht direkt in Verbindung gebracht werden zu können. Hier setzt die Kontrolle an, nicht am Behandlungserfolg!

Es ist erschreckend, in welchem Ausmass eine veränderte Politik in relativ kurzer Zeit zu einer veränderten gesellschaftlichen Wahrnehmung von kranken Menschen führt und wie schnell und kritiklos die Medizin ihre angestammten Wurzeln verlässt und sich dem neuen politischen Willen beugt. Dort, wo besonders wenig zu messen ist und der Rechtfertigungsdruck deshalb besonders hoch scheint – in der Pychiatrie – erfolgt dieser Anpassungsprozess offenbar besonders schnell und unkritisch.

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