Psychiatrische Diagnose

Diagnosen sind keine wissenschaftlichen Aussagen, sondern ärztliche Beurteilungen einer medizinischen Situation. Diagnosen sind hilfreich, wenn sie therapeutische Optionen eröffnen. Deshalb gilt in der gesamten Medizin der Grundsatz: ohne Diagnose keine Therapie!

Störungen resp. Krankheiten im Gebiet der Psychiatrie und Psychotherapie und deren Behandlung sind oft sehr komplex, sicher nicht weniger komplex als im Bereich der somatischen (=körperlichen) Medizin. Dass die Pychiatrie derzeit nicht ähnlich in Teilbereiche aufgesplittert ist wie die somatische Medizin, darf darüber nicht hinwegtäuschen!

Die Inhalte psychischer Störungen mit den wenigen in der ICD-10 auswählbaren "psychiatrischen Diagnosen" differenziert auszudrücken, ist im Grunde unmöglich. Nur eher grobe "Zuteilungen" nach "Kategorien" sowie Modifizierungen nach "Zeit- und Verlaufskriterien" sowie "Schweregraden" sind möglich: "Depression", "Angststörung", Zwänge", "Sucht", "Schizophrenie oder nicht-schizophrene Psychose" etc.. Die Klassifizierung ist zugeschnitten auf Erkenntnisse der noch jungen empirischen Forschung und auf die Wirkgruppen der bisher verfügbaren Psychopharmaka, nicht auf die Individualität seelischen Leidens und die inhaltlichen Anforderungen der psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlung.

Eigentlich soll die "Klassifizierung", d. h. das Finden der "richtigen" psychiatrischen Diagnose(n), alleine durch die Anwendung der vorgeschriebenen diagnostischen Leitlinien und Algorithmen in der ICD-10 möglich sein. In der Praxis dagegen lässt sich eine psychiatrische Diagnose ohne zusätzliche psychiatrische und auch somatische Befunderhebungen nicht stellen. Diese Zusatzuntersuchungen und Erhebungen stellen in der Regel die wesentliche intellektuelle ärztliche Herausforderung und diagnostische Arbeit dar.

Die psychiatrische Basisuntersuchung, der sogenannte "Psychostatus", entspricht der hausärztlichen oder internistischen Basisuntersuchung im Bereich der somatischen Medizin. Er gibt Auskunft über das grobe psychische Funktionieren des Patienten, mehr nicht. Manchmal können bereits alleine auf der Grundlage dieses Psychostatus psychiatrische Diagnosen gestellt und therapeutische Leitlienien abgeleitet werden. Oft ist dies aber nicht möglich. Das bedeutet, Patienten mit ähnlich lautendem "Psychostatus" können an sehr unterschiedlichen Dingen leiden und eine sehr unterschiedliche Behandlung benötigen. So wie die hausärztliche oder internistische Basisuntersuchung nur eine erste grobe Orientierung bietet, verhält es sich auch in der Psychiatrie und Psychotherapie.

Handlungsleitende psychiatrisch-psychotherapeutische Diagnosen ergeben sich vielfach erst im Beobachtungs- und Behandlungs-Verlauf. Eine unterschiedliche Zahl psychiatrischer und psychotherapeutischer Sitzungen dient deshalb immer auch der Verfeinerung der Erkenntnisse des ursprünglich erhobenen Psychostatus bzw. der weiteren diagnostischen Abklärung und Überprüfung früherer diagnostischer Annahmen. Diese ständige Überprüfung und ggf. Anpassung diagnostischer Annahmen ist in der Psychiatrie und Psychotherapie deshalb so besonders notwendig, weil die oft ähnlich wirkenden psychischen Symptome der groben diagnostischen Kategorien ganz unterschiedliche Bedeutungen haben können, die sich erst im Therapieverlauf nach und nach erschliessen und erst dann verstanden und für die Heilung genutzt werden können. Nicht nur die Eruierung der psychischen Beschwerden und die Stellung einer Diagnose, sondern v. a. auch das Erfassen der individuellen und sehr verschiedenen Bedeutungen dieser psychischer Beschwerden ist für den späteren Behandlungserfolg entscheidend!

Psychische Störungen und Krankheiten sowie deren Diagnostik und Behandlung sind also ähnlich komplex und vielgestaltig wie die Diagnostik und Behandlung körperlicher Krankheiten. Aus den vergleichsweise groben psychiatrischen Diagnosen kann jedoch – anders als bei vielen somatischen Diagnosen – oft die "richtige" Behandlung nicht unmittelbar abgeleitet werden. Psychiatrische Diagnosen sind meist "vorläufig", sie bedürfen der regelmässigen Überprüfung und Anpassung an die fortschreitenden Erkenntisse und Einsichten, die sich aus dem Behandlungsverlauf ergeben. Sie sind "Arbeitshypothesen". Sie passen oft nicht 1:1 auf die in der ICD-10 vorgegebene "Auswahl", weshalb trotz aller Algorithmen und Leitlienien immer noch häufig verschiedene Psychiater unterschiedliche "Diagnosen" vergeben und weshalb die Entscheidung, wer "Recht" hat, mit Hilfe der ICD-10 selber oft nicht entschieden werden kann.

Psychiatrische Diagnostik hat aber noch ganz andere Besonderheiten und Schwierigkeiten. Z. B. spielen die Offenheit und das Vertrauen des Patienten sowie die Zusammenarbeit zwischen Patient und Therapeut für das "Aufspüren" der richtigen/sinnvollen/wegweisenden Diagnose eine ungleich grössere Rolle, als im Bereich der somatischen Medizin. Eben weil ja bekannter Weise die "Objektivierung" psychischer Störungen durch z. B. Röntgenbilder etc. nicht vergleichbar möglich ist wie in der somatischen Medizin, ist die Güte und Qualität der subjektiven Wahrnehmungen von Patient und Arzt hier so besonders wichtig. Die Subjektivität in der Psychiatrie leugnen und/oder bekämpfen zu wollen, bedeutet, sich des einzigen Werkzeugs zu berauben! Eine grosse Zahl psychischer Störungen lässt sich überhaupt nur im Rahmen einer tragfähigen und vertrauensvollen therapeutischen Beziehung diagnostizieren. Auch die für die erfolgreiche Behandlung notwendigen individuellen Bedeutungsinhalte psychischer Beschwerden (s. o.) erschliessen sich nur im vertrauensvollen ärztlichen Rapport. Immer wieder muss man darauf hinweisen: Psychisch kranke Menschen rennen nicht den Psychiatern die Bude ein, sondern für viele psychisch kranke Menschen bedeutet es eine gewaltige Hürde, sich überhaupt jemandem und erst Recht dem Psychiater anzuvertrauen und dies nicht als weitere Demütigung zu empfinden. Allgemeine und immer wieder neu bediente gesellschaftliche Vorurteile gegenüber psychischen Störungen und Psychiatern fördern den Rückzug psychisch kranker Menschen und tragen dazu bei, dass viele psychische Störungen in ihrer Bedeutung verkannt und bestimmte Störungen wie z. B. Zwangsstörungen sogar überwiegend unentdeckt und unbehandelt bleiben!

Notwendige Rahmenbedingungen für eine fundierte pyschiatrisch-psychotherapeutische Diagnostik sind also u. a.

  • ein Mindestmass an Vertrauen und Offenheit beim Patienten
  • ein kompetenter und erfahrener Arzt/Therapeut
  • eine tragfähige und vertrauensvolle therapeutische Beziehung
  • Zeit
  • Raum
  • Kreativität und die Bereitschaft, sich einzulassen

Unmittelbare Bedrohungen für eine qualitativ hochwertige pychiatrisch-pychotherapeutische Arbeit sind einige aktuelle gesundheitspolitische Bestrebungen wie z. B.

  • Aushöhlung bzw. Umgehung des Arztgeheimnisses und des Datenschutzes
  • Ersatz der individuellen ärztlichen Beurteilung- und Handlungsfähigkeit durch allgemeine Diagnose- und Therapiestandards
  • Gezielte Erschwerung/Behinderung des Arzt-Patienten-Kontaktes bzw. Erhöhung der Schwelle für Hilfesuchende durch Verwehrung des direkten freien Zugangs zum Therapeuten der Wahl, z. B. beim "Gate-Keeping" in Managed Care-Modellen
  • Medizinisch nicht begründbare, sondern ökonomisch motivierte Angriffe auf die Zeitdauer psychotherapeutischer Behandlungen
  • Eingriffe bzw. Einflussnahme von aussen in laufende Therapie
  • Gezielte De-Professionalisierung praktizierender Fachärzte und ausgebildeter Therapeuten durch Beschneidung oder Wegnahme von Entscheidungskompetenzen und Übertragung auf andere Berufsgruppen

One Response to “Psychiatrische Diagnose”

  1. geo sagt:

    Ich habe heute diesen Blog heute entdeckt. Hier ein paar Gedanken zum Thema Diagnose.

    Ich habe ein bisschen ein Problem mit psychiatrischen Diagnosen. Nicht so sehr damit, dass bestimmte Probleme oder Phänomene in Kategorien eingeteilt werden, damit sich Fachleute besser darüber unterhalten können oder damit sich die Forschung auf etwas Gemeinsames, gut Definiertes beziehen kann. Womit ich ein Problem habe, ist die Bewertung, die damit verbunden ist, dass die eine Sache eine "Störung" ist, einen andere keine. Und dass sich aus dieser Bewertung ein Handlungsplan ableitet, was der Patient zu tun oder zu lassen hat.

    Ich denke, dass jeder (erwachsene) Mensch für sein eigenes Leben verantwortlich ist, also für die eigenen Entscheidungen und Ziele, die er verfolgt. Ich denke, das gilt für Patienten genauso wie für Ärtzte oder Therapeuten. Damit verbunden ist auch die Bewertung von Dingen oder Handlungen. Sagen wir mal, jemand hört Stimmen. Das ist einfach eine Feststellung. Aber den einen stört das und er möchte etwas daran ändern. Einen anderen stört es aber nicht, sei es weil die Stimmen eher positive sind, oder er aus einem Kulturkreis kommt, wo es einfach üblich ist, derartige Phänomene anders zu bewerten. Der erste möchte vielleicht etwas dagegen tun, der zweite nicht. Meine Meinung ist, das jeder Mensch das Recht hat, eigene Bewertungen vorzunehmen und danach sein Verhalten zu bestimmen. Auch dann wenn er einen Arzt oder Psychotherapeuten aufsucht.

    Das Gegenteil davon ist zu sagen: "Sie haben diese oder jene Störung, nun sollten Sie dieses Medikament nehmen, diese Therapie machen", diese oder jene Intervention ist INDIZIERT. Oder wenn der Patient nicht so will wie der Arzt von NON-COMPLIANCE zu reden.

    Damit meine ich nicht, das der Arzt dem Patienten alles erlauben soll. Das gleiche Recht, das der Patient hat, hat auch der Arzt, nämlich von seinen Wüschen zu reden oder Grenzen zu setzen. (Und im übrigen auch die Krankenkasse), z.B. wenn jemand ernsthaft in Erwägung zieht sich selber umzubringen, könnte der Arzt sagen: "Ich möchte, dass sie sich in stationäre Behandlung begeben, anderenfalls möchte ich nicht mehr mit ihnen weiterarbeiten, weil ich mir dann zu grosse Sorgen mache".

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