Arztberuf und medizinische Qualität in Deutschland – das Zwischenergebnis einer umstrittenen Reform in Zahlen

Unter der Überschrift "Warum ich nicht mehr arbeite" legt der Arzt und Psychiater Dr. Ewald Proll kurz und prägnant dar, wie sich die berufs- und gesundheitspolitischen Entwicklungen in Deutschland zu einer Bedrohung der medizinischen Versorgungsqualität und des ärztlichen Berufsbildes überhaupt auswachsen.

Die "Lastenverteilung" im deutschen Gesundheitswesen sieht demnach folgendermassen aus: Für eine Stunde erhält Dr. Proll als Facharzt 46,74 Euro Brutto. Das entspricht hier in der Schweiz meines Wissens ungefähr dem Einkommen selbständig ambulant arbeitender Pflegefachkräfte.

"Davon ziehen Sie bitte noch Renten- und Kranken- und Pflegeversicherung und die anderen Vorsorgeaufwendungen ab, bevor es an die Steuern geht."

Es ist evident: die speziellen Inhalte und Verantwortlichkeiten ärztlicher Arbeit finden im deutschen Tarifwerk offenbar keine Berücksichtigung.

Natürlich kann man über Tarife streiten, aber die nächsten Zitate finde ich sehr irritierend:

"Ständig werde ich zu allem Überfluss zusätzlich dazu aufgefordert, Medikamente und andere Dienstleistungen auch noch selbst zu bezahlen. Ich bin gezwungen, Nebenverdienste aufzutreiben, um meine Familie ernähren zu können."

"Jetzt blicke ich auf die Abrechnungen der Kassenärztlichen Verwertungsagentur (KV) und stelle fest:

Statt, wie vereinbart, 46,74 €/Stunde zahlt mir die KV 2006 durchschnittlich nur 23 €/Stunde, also die Hälfte. Und fühlt sich dabei auch noch im Recht, weil sie ja einen völlig undurchsichtigen Honorarverteilungsvertrag gemacht hat (mit den Kassen, nicht mit mir) und auf der Basis mir und meinen Kollegen langsam, aber sicher den Hals umdreht."

Der eigentliche Grund, warum Herr Dr. Proll nicht mehr arbeitet, ist aber dieser:

"Damit das Ganze nicht zu teuer wird, wurden gleichzeitig Mengenbegrenzungen festgelegt. In meinem Fall heisst das, dass ich im Quartal rund 300 Menschen behandeln darf. Jeder Patient mehr bringt zwar mehr Arbeit, so dass es nicht so schnell langweilig wird, aber keinen zusätzlichen Cent."

Ich frage mich: Welche Geringschätzung für Ärzte und deren Arbeit steckt hinter einem System, in dem die bestmöglich qualifizierten Leistungserbringer ihre Dienstleistungen teilweise selber bezahlen müssen und zur Sicherung ihres Unterhaltes auf Nebenerwerbsquellen zurückgreifen müssen? NB: Sind deutsche Ärzte in dieser Situation nicht einem besonders hohen Korruptionsdruck ausgesetzt?

Hier scheinen mir die falschen Kräfte am Werk und die Verantwortlichen die Kontrolle verloren zu haben. Die Entwicklung in Deutschland hat ganz offenbar nicht die medizinische Qualität zum Ziel! Es geht um Umverteilung von Lasten und Gewinnen, die, entgegen dem eigentlichen Marktgeschehen, per Gesetz und Knebelverträgen, zu ungunsten der Leistungserbringer vorgenommen wird. Und das kann nicht der Wille der Patienten, also des Volkes, sein. Jeder Mensch braucht früher oder später einen Arzt. Und dann wäre es gut, wenn er ihm vertrauen könnte.

Ich persönlich hätte Vertrauen in einen Arzt, der ausgewiesen qualifiziert und erfahren ist und mich nach Massgabe dieser Qualifikation und seiner persönlichen Erfahrung und von medizinfremden Interessen gänzlich unabhängig behandelt.

Antwort eingeben

n/a