Therapeutische Grenzen

Weil eine Patientin nach Tod des einzig verbliebenen Angehörigen im ambulanten Rahmen über viele Monate hinweg keinen Zugang zu ihren Gefühlen finden konnte, unter quälender innerer Leere und Antriebslosigkeit litt und latent suizidal war, überwies ich sie mit ihrem Einverständnis in eine stationäre Psychotherapie. Nach dem Aufenthalt dort ging es ihr nicht besser, die Therapie fand nach 9 Wochen ein abruptes Ende, weil ein Kränkungserlebnis nicht aufgearbeitet werden konnte. Wegen der unveränderten Situation wurde eine rasche Wiederaufnahme der stationären Behandlung angestrebt und auch erwirkt. Erneut kam es während des Aufenthaltes zu Kränkungen, die zwar thematisiert, aber nicht wirklich aufgelöst werden konnten. Bei der zweiten Entlassung nach weiteren 4 Monaten war der Zustand der Patientin erneut unverändert. "Ich habe mich nicht einlassen können" teilte mir die Patientin mit. Nach weiteren Wochen ambulanter Behandlung war die Patientin bereit, noch einmal einen stationären Versuch zu unternehmen. Dieser dauerte weitere 2 Monate. Im Entlassbrief schreibt der leitende Psychologe, dass sich die Patientin bei Austritt subjektiv zwar schlechter fühle als bei Eintritt, dass man es aus Sicht des Teams aber als positiv werte, dass sie nicht mehr vollständig distanziert sei, sondern diese Eindrücke und Gefühle habe äussern und auch zeigen können. Und die Empfehlung an mich: Eine Sitzungsfrequenz von mindestens einmal pro Woche sei für die ambulante Weiterbehandlung unerlässlich.

In der ersten Stunde nach Austritt fand ich die Patientin in weitgehend unverändertem Zustand. "Ich habe es versucht, aber es geht nicht. Insgesamt hatte ich in den 8 Wochen 5 Gespräche mit meiner Psychologin, sie war zwischendurch noch in den Ferien. Sie hat mir gesagt, ich könne gut formulieren, was mich bedrückt, und ich war froh, dass sie mit mir zufrieden war. Aber die Zeit war zu kurz. Ich habe 4 Wochen gebraucht, um mich an die neuen Mitpatienten und die Atmosphäre zu gewöhnen. Und ich spüre auch, es ist noch zu früh für eine Therapie, ich bin noch nicht bereit dazu" sagte sie.

Dann erzählte sie mir, dass der leitende Psychologe ihr beim Entlassgespräch völlig unvermittelt empfohlen habe, den Psychiater zu wechseln, weil ich "zu lieb" mit ihr sei. Das werde sie wohl nicht tun, denn Druck helfe ihr überhaupt nicht. Das sei ja auch in der Klinik so schwierig für sie, deshalb habe sie dort so Mühe, sich einzulassen, obwohl sie eigentlich Hilfe wolle. Wenn sie unter Druck gerate, verschliesse sie sich vollständig. Ich frage nach Erhöhung der Sitzungsfrequenz, zeige die möglichen Vorteile einer intensivierten Therapie auf. Doch sie lehnt ab. Für sie seien Sitzungen alle 14 Tage gut.
Sie wird die Wahrheit sagen, Druck hilft ihr nicht.

Die eigenen therapeutischen Grenzen zu akzeptieren und auszuhalten und nicht zum Angriff überzugehen ist immer wieder eine besondere Herausforderung in unserem Beruf.

One Response to “Therapeutische Grenzen”

  1. Missy sagt:

    Eine besondere Herausforderung, aber eine die sie anscheinend bestanden haben. Dazu kann man sie beglückwünschen! Nicht jeder Thera sieht die Grenzen des Patienten, oder seine eigenen. Auch nicht alle sind so authentisch oder reflektiert, das sie eigene Fehler zugeben. Ein durchaus angenehmer und nur menschlicher Zug!

    Missy

Antwort eingeben

n/a