Ein TÜV für deutsche Pflegeheime – rettet das die Qualität?

Nach dem erneuten skandalösen Bericht des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) in Deutschland fordert die stellvertretende SPD-Vorsitzende Elke Ferner eine regelmässige Überprüfung und Benotung von Pflegeheimen. Wie stets wird dem Versagen der Qualitätssicherungssysteme also reflexartig mit neuem Qualitätsmanagement begegnet. Man erfährt, dass die Kontrollen nun verschärft und unangekündigt stattfinden und schwarze Schafe durch rasche Veröffentlichung im Internet gebrandmarkt werden sollen. Über inhaltliche Aspekte dieser neuen Qualitätsüberprüfung und die zu erwartenden Kosten (alle 22000 Einrichtungen sollen regelmässig überprüft werden…) wird (wie immer) nichts gesagt. Aber sollte man nicht, bevor man gleich ein weiteres bürokratisches Mess- und Kontrollgebilde einführt, erst einmal einige grundsätzliche Fragen stellen und beantworten? Etwa

  • Warum hat die aufwändige und teure Qualitätssicherungsmaschinerie bisher überhaupt versagt?
  • Ist die Art der heutigen Qualitätssicherung im Gesundheitswesen geeignet, die entscheidenden Aspekte medizinischer oder pflegerischer Qualität zu erfassen, richtig zu bewerten und zu sichern?
  • Verfügt das Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen über einen geeigneten "Qualitäts"-Begriff?

Wir alle wissen ja, dass das "Qualitäts"-Management eigentlich ein "Quantitäts"-Management ist, und bisher konnte mir kein QMler plausibel darlegen, wie die virtuose Quantifizierung der Qualität ohne Qualitätsverlust funktioniert… 😉 Viele wissen oder ahnen zumindest inzwischen auch, dass sich die Qualität in der medizinischen und pflegerischen Versorgung von Menschen in ganz wesentlichen Bereichen kaum oder gar nicht mit Zahlen ausdrücken lässt. Zumindest nicht mit den Zahlen, die akribisch und meist von den Leistungserbringern selber erhoben werden müssen und ihnen die Zeit für ihre eigentliche Arbeit am Menschen rauben! Wer näher hinsieht, stellt sogar fest, dass genau die Zahlen, die im Gesundheitswesen am besten geeignet sind, Qualität anzuzeigen (z. B. der Personalschlüssel für qualifizierte Mitarbeiter oder die Jahre der Berufserfahrung), für die Betriebsführung am wenigsten berücksichtigt werden und dass stattdessen genau hier unter den Augen des internen Qualitätsmanagements rücksichtslos der Rotstift angesetzt wird.

Es muss also zuallererst genau dargelegt werden, welchem "Qualitäts"-Begriff sich das aktuelle Qualitätsmanagment und -sicherungssystem im Gesundheitswesen verpflichtet fühlt und wem es tatsächlich dient. Wir bräuchten unverzüglich eine öffentliche Debatte über die Qualität des Qualitätsmanagements im Gesundheitswesen, und wir müssten dringend anfangen, die wichtigsten Qualitätsfaktoren wieder beim Namen zu nennen: Persönliche Reife, Fachwissen, Bildung, Motivation, Empathie, Berufserfahrung, Intelligenz, etc.

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