Eigene Aerzte gegen Pflegenotstand und gesundheitspolitische Systemfehler?

Schon lange beklagen Experten oeffentlich den dramatischen Pflegenotstand in deutschen Alten- und Pflegeheimen.Der Sozialpaedagoge Claus Fussekversucht seitgeraumer Zeit in vielen Interviews und Fernsehsendungen deutlich zu machen, dass dies ganz wesentlich mit der

  • aktuellen Leistungspflicht von Pflege- und Krankenversicherung, der
  • Personal- und Besoldungspolitik von Pflegekraeften und mit der
  • Art der Finanzierung vieler privater Pflegeheime (Boersennotierte Heimtraeger)

zu tun hat.

Als Folge davon wuerden einerseits alte Menschen quasi in die Betten hineingepflegt, weil es dann mehr Geld von den Versicherungen gebe… Andererseits fuehre ein eklatanter Personalmangel in Heimen und in ambulanten Diensten zu menschenunwuerdigen Zustaenden

"Wir haben kein Erkenntnisproblem. Die Zahlen und Ursachen sind bekannt, aber es geschieht nichts. Dabei muss man nur die demografische Entwicklung betrachten. Wir wissen auch, dass die häusliche Pflege nur mit Hilfe von schätzungsweise 70.000 sogenannten Illegalen aus Osteuropa aufrecht erhalten wird. Wir kennen den Personalmangel in Pflegeheimen, wir wissen, dass in vielen Heimen unwürdige Zustände herrschen. Aber statt etwas zu tun, leisten wir uns ständig neue Studien und Modelle, die belegen, was wir längst wissen."

"Börsennotierte Heimträger kann ich nicht durch die Pflegeversicherung subventionieren. Es muss klar sein, wohin die Gelder fliessen. Dazu brauchen wir eine wirksame Kontrolle und nicht Besuche der Heimaufsicht oder des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen, die vier Wochen vorher angemeldet werden müssen."

Es ist interessant, wie die Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt nach dem neuerlich desastroesen Bericht des Medizinischen Dienstes der Krankenkasse (MdK) nun zu reagieren gedenkt. Statt endlich das Problem des Pflegenotstandes, der Fehl- und Unterfinanzierung der Heime und ambulanten Dienste und das Versicherungsproblem anzugehen, sollen Heime nun eigene Aerzte anstellen, um die medizinische Versorgungsqualitaet zu gewaehrleisten.

Natuerlich waere es ein Qualitaetsmerkmal, wenn Alten- und Pflegeheime regelmaessig von Aerzten betreut wuerden. Aber: Das war eigentlich immer schon klar, oder? Und: Wie sollen Aerzte das Problem von Pflegemangel und Unterfinanzierung loesen? Deshalb muss man fragen: Welche Art Qualitaetsicherung wird hier eigentlich betrieben und welches Qualitaets-Verstaendnis liegt hier zugrunde…?

Ist es nichtunglaublich? Klarer kann Ignoranz doch nicht zum Audruck gebracht werden. Und deutlicher kann doch nicht veranschaulicht werden, wie Qualitaetsmanagement im Gesundheitswesen missbraucht wird, um Maengel immer wieder aufs Neue zu kaschieren: Defizite und unhaltbare (sogar eindeutig gesundheitsschaedliche) Zustaende werden schlicht geleugnet, solange es geht.Das Offensichtliche, taeglich zu Beobachtende wird durch das "Warten auf Studienergebnisse" solange ausgesessen, wie nur irgend moeglich. Wenn dann wirklich nichts mehr zu leugnen ist, wird eine neue Kontrollinstanz geschaffen, die billiger kommt als die Behebung des Problems und deren Aufgabe es sein wird, den Mangel aufs Neue zu verscheiern.

Warum werden nicht zuallererst einmal (aehnlich wie es bei den Kindertagesstaetten ja auch moeglich zu sein scheint) tausende neue und qualifizierte Pflegekraefte eingestellt und Heime auf einen transparenten Personalschluessel verpflichtet? Warum wird nicht sofort das vordergruendigste aller Probleme angegangen? Kann es bei diesem Qualitaetsbegriff um etwas anderes mehr gehen, als um Geld?

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