FMH und Managed Care – schwierig, aber notwendig und spannend?

Das Zielpublikum der Schweizerischen Ärztezeitung (SÄZ), des offiziellen Organs der Verbindung Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH) und FMH Services, wird seit Monaten mit Artikeln über die Segnungen von Managed Care überschwemmt. Erstaunlich früh hatte die Vertretung der Schweizer Ärzte in einem Thesenpapier klargestellt, dass sie die Etablierung von Managed Care unterstützen und fördern wird. Dies, obwohl im Parlament darüber erst 2008 abgestimmt werden wird und also genug Zeit und Raum vorhanden wäre, um eine grundsätzliche Diskussion über diesen einschneidenden Paradigmenwechsel unter den Mitgliedern zu führen, das Für und Wider und die Implikationen von Managed Care gründlich abzuwägen und eine gemeinsame ärztliche Position zu erarbeiten.

Nachdem kritische Stimmen aus der Ärzteschaft "“ möglicherweise auch wegen des hohen vorgelegten Tempos? "“ zunächst nur vereinzelt laut wurden, melden sich jetzt doch zunehmend mehr Kolleginnen und Kollegen mit Artikeln zu Wort, in denen sie Bedenken und Sorgen vor den gegenwärtigen berufspolitischen Entwicklungen und teils auch Unbehagen und Ärger über die Positionierung der FMH zum Ausdruck bringen. Die seit März 06 in der SÄZ abgedruckten kontroversen Argumente und Wortwechsel sind in einer unvollständigen Liste auf der Webseite des Vereins Psica zusammengetragen und mit Links zu den Originaltexten der SÄZ versehen worden, damit sie nachvollzogen werden können. Es fällt auf, dass sich die FMH-Spitze in ihren Antworten einer vertieften inhaltlichen Diskussion über Managed Care entziehen und sich seit geraumer Zeit auf relativ standardisierte Repliken, Editorials etc. mit ungefähr folgendem Wortlaut beschränken:

  1. Managed Care (MC-Ärztenetzwerke) sei die Zukunft und werde, angeblich breit abgestützt, ab sofort von der FMH aktiv gefördert (SÄZ 36, 2006, FMH Thesenpapier)
  2. Das Gesundheitswesen sei ein immenses Gebiet, in dem Ärzte in Zukunft nur eine Rolle unter vielen Akteuren spielen würden. Die aktive Mithilfe beim Voranbringen von Managed Care-Projekten sei deshalb ein notwendiges Zeichen der Kooperationswilligkeit und "“fähigkeit der Ärzteschaft. Grundsätzliche Widerstände gegen Managed Care dagegen seien dagegen Ausdruck einer nicht mehr zeitgemässen "žBesitzstandswahrung", die es abzulegen gelte. (SÄZ 44, 2007, Antwort auf Thomas Eggimann)
  3. Die Frage, was für Patienten gut ist, betreffe alle Akteure im Gesundheitswesen und sei deshalb nicht mehr von Ärzten und Patienten zu entscheiden, sondern zwischen allen Akteuren zu verhandeln (SÄZ 44, 2007, Antwort auf Thomas Eggimann)
  4. Anpassung und Flexibilität seien der Weg, um bei der gegenwärtigen Diskussion ärztliche Interessen und wichtige medizinische Inhalte und Anliegen sichern zu können. Zitat: "Wir müssen und können uns weiterentwickeln, ohne befürchten zu müssen, unsere Seele zu verlieren. Doch dazu dürfen wir uns nicht in erster Linie an das klammern, was wir haben, und somit in Unbeweglichkeit verharren. Vielmehr müssen wir uns auf das ausrichten, was wir wollen. Und vor allem müssen wir wissen, weshalb wir es wollen, und dies auch kommunizieren können. Denn es liegt, wie Sie sehr richtig sagen, ein wesentlicher Teil des Wissens bei uns. Wir kennen uns in der Medizin aus, wir wissen, unter welchen Voraussetzungen ihr hohes Qualitätsniveau gewahrt werden kann, und wir stehen vor Ort mit den Patienten in Kontakt. Unsere Erfahrung rechtfertigt somit bei weitem den Platz, den wir in den Diskussionen in unserer Gesellschaft beanspruchen, und liefert uns auch die erforderlichen Argumente, um erfolgreich für unsere Arbeitsbedingungen und unsere grundlegenden Prinzipien einzutreten. Doch damit wir uns auf diese Erfahrung und diese Grundsätze berufen können, müssen wir fähig sein, uns anzupassen, müssen eine verständliche Sprache sprechen und dürfen uns nicht damit begnügen, uns auf Erreichtes abzustützen. Das ist schwierig, aber notwendig und spannend!" (SÄZ 42, 2007, Antwort auf G. Schlaginhaufen, dessen Text von der SÄZ leider nicht verlinkt wurde)

Im Texten wie dem zitierten spricht Herr J. de Haller nach meinem Eindruck leider keine "verständliche Sprache". Klar scheint lediglich

  • dass Managed Care für die FMH-Führung längst beschlossene Sache und unumkehrbar ist und
  • dass die FMH nicht innerhalb der Ärzteschaft, sondern mit den anderen Akteuren im Gesundheitswesen über die Zukunft des Berufsstandes und der Berufsinhalte diskutieren und verhandeln will.

Die bisherigen Stellungnahmen der FMH sind also weder geeignet, die Bedenken einiger ihrer Mitglieder gegen Managed Care zu entkräften, noch helfen sie, die zunehmende Polarisierung innerhalb der Ärzteschaft (und der Fachgruppen) zu überwinden. Sie entmutigen allenfalls, weitere Einwände und Vorbehalte offen zu äussern und verstärken die ohnehin ausladende Propaganda der Managed Care-Vertreter und den grossen Raum, der ihnen für ihre Meinungsäusserungen in der Ärztezeitung immer aufs Neue eingeräumt wird.

Es bleibt unklar, woher die FMH-Führung ihre Sicherheit über den Nutzen und die Unbedenklichkeit von Managed Care bezieht. Wahr und m. W. unbestritten ist, dass Managed Care ernste und typische Probleme mit sich bringt, wissenschaftlich dagegen bisher nicht klar gezeigt werden konnte, dass sich die Hoffnungen an die Kostenentwicklung und Qualitätssicherung tatsächlich erfüllen. Es ist also gegenwärtig nicht mehr als Ansichtssache (mit tendenziell ungünstiger Prognose, wenn man die Nachbarländer anschaut, die sicher auch "optimistisch" begonnen und sich Mühe gegeben haben), ob ein Systemwechsel auf Managed Care die Kosten des Schweizer Gesundheitswesens tatsächlich senkt statt nur verschiebt, und ob die Qualität der medizinischen Versorgung auf dem bisherigen Niveau aufrecht erhalten werden kann. Bereits vor der Erstellung des Thesenpapiers zur Förderung von Managed Care hätte deshalb innerhalb der FMH ein ergebnisoffener Meinungsbildungsprozess angestossen werden müssen, der sich keineswegs erübrigt hat.

Eine Antwort auf die Nachfrage des kritischen Kollegen Daniel Schlossberg, woher er seine Zahlen (z. B. zur Kostenreduktion durch Managed-Care Netzwerke) beziehe, ist Herr J. de Haller bisher offenbar schuldig geblieben. Einige weitere Fragen bedürften m. E. ebenfalls dringend einer Antwort:

  1. Weshalb identifizierte sich die Standesorganisation der Ärzte so schnell und unkritisch mit den Erwartungen von Politik und Sozialversicherungsträgern, obwohl nach den Erfahrungen mit Managed Care in anderen Ländern eine kritische und breite Auseinandersetzung über Nutzen und Gefahren von Managed Care unter Einbezug der Öffentlichkeit vordringlich wäre?
  2. Warum verhandelt die FMH-Spitze bereits mit anderen "Akteuren" über bedeutsame Veränderungen in der medizinischen Berufsausübung, ohne zuvor eine breite interne Diskussion geführt und das Votum ihrer Mitglieder eingeholt zu haben?
  3. Befinden wir uns auf dem richtigen Weg, wenn der Präsident der Ärzteschaft regelmäsig kritische Stellungnahmen einzelner Mitglieder zum Thema Managed Care durch kurze Repliken "abschliessend" beantwortet und dadurch jede weitergehende interne Diskussion im Keim erstickt.
  4. Was hat es zu bedeuten, wenn Mitglieder der FMH, die für den Erhalt genuiner medizinischer Anliegen und Rahmenbedingungen kämpfen und dabei eine andere Ansicht als die der FMH-Spitze vertreten, neuerdings auch von intern durch die Etikettierung "Besitzstandswahrung" neutralisiert werden?
  5. Wie ist die genaue Beziehung zwischen der FMH und dem geförderten Managed Care-Projekt?

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