Jahreswechsel

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Das Jahr 2007 neigt sich dem Ende, und ich möchte die Gelegenheit nutzen, allen Lesern dieses Blogs für ihr Interesse und die wertvollen Rückmeldungen zu danken. Der "Medblog" ist ein noch junges Projekt, und ich bin dankbar für jede konstruktive Kritik, die dazu beiträgt, Form und Inhalt noch besser aufeinander abzustimmen.

2007 war beruflich für mich ein sehr erfülltes Jahr. Das verstärkte Bemühen, insbesondere sozialpsychiatrisch bedürftige Patienten nicht nur in der doch relativ künstlichen Therapiesituation kennen zu lernen, sondern auch einen persönlichen Eindruck von ihrer Lebenssituation vor Ort zu erhalten, hat vielen meiner Entscheidungen deutlich mehr Boden verliehen. Es ist für mich evident, dass sich zumindest im Fachbereich Psychiatrie und Psychotherapie und in streitbaren Fällen ohne persönliche Kenntnis der konkreten Lebenssituation und Ressourcen vor Ort keine seriösen prognostischen Aussagen oder gutachterlichen Entscheidungen treffen lassen.

Tiefpunkte in 2007 waren für mich

  • Die Psychotherapie-Verordnung, die alle ärztlichen Psychotherapeuten unter "Generalverdacht" stellt und im Grunde der erste Schritt zur Abschaffung der selbständigen ärztlichen Berufsausübung ist
  • Die neue "Umkehrung der Beweislage", nach der Patienten und Ärzte zunehmend den Versicherungen beweisen müssen, dass überhaupt Krankheit vorliegt, was sowohl die ärztliche Tätigkeit in Art und Umfang als auch die Arzt-Patienten-Beziehung teils erheblich verändert. Prinzip: der stärker engagierte Arzt hat mehr "Arbeit"…
  • Die Erkenntnis, wie schnell die neue Tätigkeit als Vertrauensärzte einige Kollegen in ihrer Gesinnung verändert hat und wie schwer sich mit diesen Kollegen selbst der Diskurs über medizinische Allgemeinplätze gestalten kann
  • Die massive Subventionierung von Managed Care durch die Politik, die erschreckend einseitige Berichterstattung in den relevanten Medien und die auffällige öffentliche Zurückhaltung der Fachgesellschaften
  • Die Behauptung, ein Arzt, der das Leiden seiner Patienten wahrnimmt und benennt sei "zu dicht ran"

Die Ankündigung, demnächst mit Sozialdetektiven auf IV-Versicherte loszugehen, finde ich erschreckend. Gerade die psychisch Kranken, die man ja besonders im Visier zu haben scheint, werden also zusätzlich zur bereits bestehenden allgemeinen Stigmatisierung noch stärker bedrängt und mit Misstrauen behandelt. Die Heilungs- und Wiedereingliederungschancen dieser Patientengruppe werden dadurch sicher nicht steigen.

2008 wird über "Managed Care" entschieden. Wollen wir hoffen, dass die Politik das nötige Augenmass mitbringt und zumindest von allen "flächendeckenden Installationsplänen" Abstand nimmt. Andernfalls wäre tatsächlich das Ende der selbständigen ärztlichen Berufsausübung eingeleitet und damit auch das der freien Arztwahl.

Ich wünsche allerseits einen angenehmen Jahreswechsel!

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