Nichts hinzuzufügen

Mittelalter Patient, ehemals Unternehmer, selbständig, überraschender Privatkonkurs nach folgenschwerer Fehlhandlung. Gläubigerklagen, Gerichtsverhandlungen, existenzielle Ängste. Im weiteren Verlauf auch familiäre Probleme mit Trennung. Infolge Überforderung Entwicklung einer Anpassungsstörung mit depressiver Symptomatik und funktionellen, sehr schmerzhaften, nervösen Magen-Darmbeschwerden. Nach einer kurzzeitigen Phase eines Zusammenbruchs mit vollständiger Arbeitsunfähigkeit und Erholung über einige Wochen Stabilisierung, die einen Wiedereinstieg in das Arbeitsleben im Angestelltenverhältnis ermöglichte. Pensum schrittweise auf 50%, bei weiterer Erhöhung regelmässig massive Verstärkung der gastrointestinalen Problematik mit schmerzhaften Darmkoliken, die zum Arbeitsunterbruch zwingen. Die Prognose ist offen, bei leidensadaptiertem Vorgehen mit Vermeidung von Überlastungen sicher besser. Die begleitenden sozialen Probleme beeinträchtigen den Heilungsverlauf negativ.

Ein klarer Fall, wie im Lehrbuch. Eigentlich.

Nicht so für die Taggeldversicherung des Patienten bzw. den Arzt, dem diese ihr Vertrauen schenkt.

"Ich hatte schon Mühe mit dem Aufgebot. Vor einem fremden Arzt so die Hosen runterlassen zu müssen. Und dann sagt der zu mir einfach: Ich denke, Sie sind gar nicht krank, Sie haben nur soziale Probleme. Dafür sind wir nicht zuständig. Kann der so etwas einfach sagen?"

Ohne stichhaltige Begründung eigentlich nicht, nein.

"Sie sind doch auch Arzt und haben einen Bericht geschrieben. Da haben Sie doch eine Diagnose gestellt. Kann der einfach darüber hinweg gehen?"

Kann er, ja. Aber er sollte es begründen müssen.

"Dann hat er mich bestellt zur Untersuchung. Zu einem Termin, der mir nicht geht, weil ich da in den Ferien bin. Sagt er, das interessiere ihn nicht. Ich hätte keine Ferien zu machen, solange ich krank bin. Das komme gar nicht in Frage. Da bin ich richtig sauer geworden. Den Urlaub habe ich dringend nötig, der tut mir gut. Kann das sein, dass ich keine Ferien machen darf, nur weil ich krank bin?"

Nein, natürlich nicht. Der Versicherte hat die Pflicht, alles zu tun, was der Heilung förderlich ist und alles zu unterlassen, was ihr abträglich ist. Wichtig ist die Empfehlung des Arztes.

"Wenn einer wegen einem doppelten Beinbruch nicht schaffen kann, darf er doch ins Café sitzen und Kaffee trinken, und niemand würde ihn deshalb für einen Simulanten halten."

2 Responses to “Nichts hinzuzufügen”

  1. geo sagt:

    Hallo,

    Das ist mehr ein allgemeiner Kommentar oder eine Frage zu ihrem Blog. Aber ich dachte, vielleicht interessiert es Sie.

    Worüber ich mir zur Zeit Gedanken mache und wo ich Sie fragen möchte, ob sie vielleicht Lust hätten etwas zu posten, ist wie manche Dinge, aus Sicht eines Psychiaters aussehen.

    Ich habe inzwischen eine ganze Reihe Psychiater kennengelernt. Mit den meisten davon hatte ich den Eindruck nicht reden zu können. Entweder erklärten sie sich als nicht zuständig, oder sie verschrieben eine grössere Menge Medikamente. Inzwischen habe ich einen Arzt gefunden, der sich Zeit nimmt mir zuzuhören, bei dem ich den Eindruck habe, er versteht, was ich sage, was mir mehr hilft, als alle Medikamente zusammen.

    Das was mir dabei Sorge macht, ist, dass ich den Eindruck habe, das diejenigen Ärzte, die wirklich gute Arbeit machen, selber schwer am kämpfen sind, auch finanziell. Während die Ärzte, die einfach nur unsinninge Medikamente in Massenabfertigung verschreiben, ein recht gutes Leben und Einkommen zu haben scheinen. Irgendetwas stimmt doch da nicht?

    Ein anderes Beispiel: Als ich eine Weile in einem psychiatrischen Krankenhaus war, kam mir der Betrieb dort wie eine grosse Maschinerie vor, wo jeder seinen Part zu spielen hatte. Ich kam mir dort nicht wie eine Person vor, sondern wie ein Rädchen im Getriebe. Mit einigen wenigen Ausnahmen. Eine davon war ein Pfleger, der sich bemühte, mich und die anderen Patienten wie Menschen zu behandeln und nicht nur wie "Störungskategorien". Z.B. hat er mich manchmal aufgezogen, wodurch ich mich ernst genommen gefühlt habe, er hat eigene Abendveranstaltungen angeboten, ausserdem hat er zwar seine Arbeit gemacht, hatte aber trotzdem noch seine eigene Meinung und hat nicht alles toternst genommen.

    Irgendwann kamen einige Mitpatienten zu mir und wollten ihm, weil er Geburtstag hatte Happy Birthday spielen, was wir dann auch gemeinsam am Beginn der Ãœbergabe gemacht haben. Ich hatte erwartet, dass er sich darüber freut, aber er schien sich mächtig zu freuen, was ich so nicht erwartet hätte. Im Nachhinein denke ich, vielleicht lag es daran, dass er selber am kämpfen gegen den Trott im Krankenhaus war und das als Bestätigung dafür gesehen hat und sich deshalb so sehr gefreut hat.

    Aber wenn das stimmt, dann gibt mir das Ganze schon zu denken, das nämlich diejenigen, die sich bemühen Patienten wie Menschen zu behandeln am kämpfen sind, während die, die einfach Patienten "am Fliessband abfertigen" ein gemütliches Leben haben. Sollte es nicht andersherum sein? Irgendetwas läuft doch da verkehrt? Aber was?

    Ich weiss nicht, ob Sie das Thema interessiert. Mich würde auf jeden Fall die Sicht eines Psychiaters dazu interessieren …

  2. Paco566 sagt:

    Hallo geo

    Herzlichen Dank für den wertvollen Kommentar!
    Sie beschreiben Erfahrungen aus Deutschland? Ich kenne die Situation der dortigen Psychiater nicht genau, schliesse aber aus Informationen, die ich auf Fortbildungen aufgeschnappt habe, dass die Form der Budgetierung und Entlohnung in Deutschland die Arbeitsweise der Psychiater ungünstig beeinflusst. Das bezieht sich sowohl auf die Zeit, die diesen für Behandlungen zur Verfügung steht als auch auf die finanziellen Mittel zur Verordnung moderner Medikamente. Wie ich hörte gibt es darüber hinaus Einschränkungen hinsichtlich der Indikation, die die Krankenkassen oder irgendwelche Kommissionen vorgeben. So seien z. B. Neuroleptika, die sich nach neuen Studien ganz gut zur Behandlung von Spannungszuständen bei Persönlichkeitsstörungen eignen, in Deutschland für diese Indikation nicht zugelassen, weshalb Psychiater bei einer Fortbildung diskutierten, ob man die Diagnose des Patienten kurzerhand auf "Schizophrenie" umändern sollte, um ihm die notwendige Behandlung zu ermöglichen. Andererseits weiss ich aus meiner eigenen Assistenzarztzeit in Deutschland, dass bereits vor mehr als 10 Jahren moderne, nebenwirkungsarme, aber leider teure Medikamente, die während eines stationären psychiatrischen Aufenthaltes verordnet wurden, vom Hausarzt später sofort wieder abgesetzt wurden, weil sie sein "Budget" sprengten. Dadurch kam es zu wiederholten stationären Zuweisungen zur erneuten medikamentösen Einstellung, die absolut vermeidbar gewesen wären.

    Es ist sicher schwierig, Ihre Frage pauschal zu beantworten. Bei Erfahrungen, wie Sie sie gemacht haben, sind natürlich immer erst einmal die beteiligten Personen persönlich verantwortlich. Es wird bei Psychiatern nicht anders sein, als bei anderen Menschen. Sie sind verschieden, verstehen ihren Beruf auch verschieden und gehen verschieden mit anderen Menschen und ihrer speziellen Position um. Gleichzeitig ist aber die Psychiatrie auch eine Disziplin, die besondere Herausforderungen an das persönliche Engagement und das eigene Welt- und Menschenbild beinhaltet bzw. in der sich das eigene Menschen- und Weltbild in besonderer Weise auf den Umgang mit dem Patienten auswirken kann. Psychiatrische Patienten sind zudem oft in besonderer Weise hilflos, was sie dann angreifbarer/wehrloser macht als andere Patienten. Aber auch Psychiater und andere Professionelle, die in der Psychiatrie arbeiten sind in diesem Arbeitsfeld angreifbarer und verletzlicher als in anderen Tätigkeitsfeldern, je mehr sie sich einlassen, umso mehr. Nicht zuletzt ist Psychiatrie, insbesondere in ihrem forensischen Teilgebiet, ein verlängerter Arm des Gesetzgebers bzw. der Gesellschaft, übt dort ganz explizit eine institutionelle Gewalt aus, was die Beziehung zwischen Psychiater und Patient naturgemäss verkompliziert.

    Wenn man all diese (und andere, nicht erwähnte) Besonderheiten betrachtet, stellt sich Psychiatrie als ein sehr anspruchsvolles und schwieriges Arbeitsfeld dar, das Konflikte beinhaltet, die sich teilweise gar nicht befriedigend lösen lassen. Um in solch einem Arbeitsumfeld längerfristig gut zurecht zu kommen, sollten die Rahmenbedingungen vorzüglich sein. Die Arbeit sollte gesellschaftlich anerkannt, die zur Verfügung stehenden Mittel grosszügig bemessen, der Rückhalt bei Schwierigkeiten gut sein.

    In der Realität ist oft das Gegenteil der Fall. Nirgends in der Medizin muss soviel "gerechtfertigt" werden, wie in der Psychiatrie, kaum ein anderes Fachgebiet ist schlechter angesehen und die Gesellschaft meidet alles, was "psychisch" ist, wie die Pest 🙂

    Wie gesagt, letztlich ist jeder Psychiater, jeder Patient und jeder andere Beteiligte als Mensch verantwortlich, wie er mit Problemen und Schwierigkeiten umgeht. Diese persönliche Verantwortung lässt sich nicht abtreten. Niemand auf der professionellen Seite ist gezwungen, diese Tätigkeit auszuüben, wenn sie ihm nicht liegt oder die Bedingungen nicht stimmen. Das ist ein Vorteil gegenüber dem Patienten, der sich seine Krankheit nicht aussuchen kann und auf Hilfe angewiesen ist. Trotzdem spielen die Umstände, die gesellschaftliche Akzeptanz und Unterstützung und der herrschende Geist im Gesundheitssystem auch eine wichtige Rolle bei der Güte der Arzt-Patienten-Beziehung, insbesondere im Fachbereich Psychiatrie und Psychotherapie, wo dies besonders wichtig ist.

    Freundliche Grüsse
    Franz Engels

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