Wie Rütteln an einem gebrochenen Bein

Man macht Jagd auf "Sozialschmarotzer" und wähnt sich auf einem guten Weg. Die Revisionen wirken, das System greift, die Kassen füllen sich. Man liest über erste "Erfolge". Gewisse Kantone freuen sich über besonderen Erfolg besonders guter Jäger.

Was die Medizin, Fachbereich Psychiatrie und Psychotherapie, dazu zu sagen hat, entspricht nicht dem Zeitgeist und ist im Moment nicht populär. Aber die Zusammenhänge sind wissenschaftlich unbestritten und eigentlich auch trivial:

  1. Druck ausüben auf psychisch kranke Menschen bedeutet ganz generell: Heilungschancen bzw. Prognose verschlechtern
  2. Druck ausüben auf die vertrauliche therapeutische Beziehung bedeutet: den bislang einzigen zweifelsfrei bewiesenen therapeutischen Wirkfaktor gefährden

Wer so etwas macht, sabotiert die ärzliche Arbeit, gefährdet Heilungsverläufe und Therapieergebnisse.

Wenn also die IV ihre leeren Kassen füllt, indem sie systematisch psychisch kranken Menschen mit Detektiven nachstellt, sie öffentlich diffamiert, unter ständigen Rechtfertigungsdruck stellt, ihr fachärztlich attestiertes Leiden zur Verhandlungssache erklärt und ihren behandelnden Ärzten unter Aufstellung neuer "Spielregeln" die medizinischen Kompetenzen entzieht, trägt sie aktiv zu Chronifizierungen und Defektheilungen bei einer grossen Patientengruppe bei. Und wohlgemerkt: es geht dabei nicht nur um die verweigerten Versicherungsleistungen, sondern um all das, was den Kranken auf dem langen Weg der Abklärung zugemutet wird!

Druck ausüben auf psychisch Kranke und professionelle (zertifizierte!) Helfer ist dasselbe wie Rütteln an einem gebrochenen Bein, nur weil man nicht glaubt, dass es gebrochen ist.

Im einen wie im anderen Fall wird Heilung behindert, aus medizinischer Sicht sind die Folgen in beiden Fällen gleich fatal. Glücklicherweise gelten die neuen "Spielregeln", die psychisch Kranke einem solchen Rütteln aussetzen, bisher nur innerhalb der IV, und glücklicherweise ist die Mehrheit der psychisch kranken Menschen nicht auf IV-Leistungen angewiesen. Würde die psychiatrisch-psychotherapeutische Grundversorgung nach denselben Kriterien neu und an medizinischen Erfordernissen vorbei geregelt, wäre dies eine ernste Bedrohung der fachgerechten Versorgung psychisch kranker Menschen in der Schweiz.

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