Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD) im Spannungsfeld verschiedener Interessen?

Artikel aus der Schweizerischen Ärztezeitung (Heft 40, vom 06.10.2010) von der RAD-Ärztin Frau Dr. med Therese Morris

"Die Aufgabe von Ärztinnen und Ärzten im Regionalen Ärztlichen Dienst (RAD) besteht
darin, einen geltend gemachten Gesundheitsschaden auf seine Objektivierbarkeit zu
überprüfen und seine Auswirkungen auf die Arbeitsfähigkeit zu beurteilen. Diese
Tätigkeit ist vielfältig und setzt eine grosse berufliche Erfahrung voraus. Die versicherungsmedizinische
Betrachtungsweise weist Besonderheiten auf, die juristisch vorgegeben
sind und die der behandelnde Arzt teilweise nicht kennt."

Diese '"Besonderheiten" der Sichtweise von RAD-Ärzten werden im Verauf des Artikels dargestellt. Wir erfahren:

  • "Am Entscheidungsprozess sind mehrere Abteilungen der IVStelle beteiligt, beispielsweise Fallmanagement, Eingliederungsmanagement, Abklärungsdienst, Rechtsdienst und RAD."
  • "Die versicherungsmedizinische Betrachtungsart weist juristisch vorgegebene Besonderheiten auf, weshalb Entscheide der IV und damit auch des RAD für Aussenstehende oft nicht verständlich sind."Dies wird wie folgt ausgeführt:

    "Ein weitgehend akzeptiertes Beispiel ist das reine Suchtgeschehen. Die IV geht davon aus, dass nach der Überwindung der Sucht eine Arbeitsfähigkeit besteht, und mutet der betroffenen Person eine Entzugsbehandlung zu, auch wenn diese oft nicht erfolgreich ist. Weniger akzeptiert ist das Beispiel der chronischen Schmerzkrankheit. Ein Schmerzgeschehen, das zur Arbeitsunfähigkeit führt, muss eine objektivierbare somatische Grundlage haben. Ansonsten ist es gemäss geltendem Recht in der Regel nicht versichert. Hier besteht ein grosses Konfliktpotenzial mit dem behandelnden Arzt. Dieser sieht einen glaubhaft leidenden Menschen, der sich oft auch in einer ausgeprägten psychosozialen Belastungssituation befindet. Für ihn ist es klar, dass seinem Patienten geholfen werden muss, unter anderem auch in Form einer finanziellen Existenzsicherung wie der IVRente. Dabei wird oft ausser acht gelassen, dass der "Kampf für eine IVRente " nicht unbedingt die bestmögliche Hilfe darstellt. Noch verstehen die meisten Menschen die Arbeit nicht als notwendiges Übel, sondern als sinnvollen Beitrag für die Gesellschaft, mit der man Anerkennung findet und durch die das soziale Leben."

  • "Der RADArzt überprüft die korrekte Diagnosestellung. Differenzen ergeben sich häufig im psychiatrischen Bereich, beispielsweise bei der Beurteilung des Schweregrades einer Depression oder der in der letzten Zeit inflationär gestellten Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung"
  • "Zu Missverständnissen kann auch die Definition des Begriffs "Gesundheit" führen. Während die WHO und damit auch die behandelnde Ärzteschaft Gesundheit als körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden definiert, anerkennt die IV die soziale Komponente nicht."
  • "Ferner muss sich der RADArzt mit der versicherungsmedizinischen Betrachtungsweise auseinandersetzen und auch juristische Einwände bearbeiten. In diesem komplexen Prozess kann es zu Fehleinschätzungen kommen."

Im Fazit Ihres Artikels stellt die Kollegin Morris fest:

"Die Titelfrage kann ich klar mit "Ja" beantworten. Auf der einen Seite befindet sich die versicherte Person, die bei objektivierter Beeinträchtigung ihrer Leistungsfähigkeit aufgrund eines Gesundheitsschadens Anrecht auf Leistungen der IV hat. Dass ein solcher Leistungsanspruch nicht von allen Parteien gleich beurteilt wird, liegt in der Natur der Sache. Auf der anderen Seite steht die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft. Ihre Forderung, dass die gemeinschaftlichen Gelder nur bei ausgewiesenem Anspruch zugesprochen werden, ist legitim."

Für mich ergeben sich aus dem Artikel von Frau Dr. Morris zwanglos folgende Erkenntnisse:

  1. IV- oder RAD-Ärzte sind nicht weniger befangen und beeinflussbar als es behandelnden Ärzten unterstellt wird. Im Gegenteil: Sie sind, wie die Kollegin eindrucksvoll darstellt, in ihrer Beurteilung sogar von wesentlich mehr äusseren Stör- und Einflussfaktoren abhängig als der behandelnde Arzt, der gemäss einem Eid zu allererst dem bestmöglichen Heilungsverlauf seines Patienten verpflichtet ist.
  2. IV- oder RAD-Ärzte laborieren in ihrer Tätigkeit stets am Rande des Machbaren, weil sie für ihre komplexe Aufgabe Einsichten über und Erfahrungen mit den Klienten haben müssten, die sie aus eigener Anschauung nie haben und wegen der begrenzten Zeit auch nie erwerben können. In den meisten Fällen wird der behandelnde Arzt wesentliche bessere Kenntnisse der genauen Gegebenheiten haben als sie.
  3. Wegen der Komlexität der Sachverhalte können auch IV- oder RAD-Ärzten "Fehleinschätzungen" unterlaufen.
  4. Dennoch fühlen sich RAD-Ärzte in besonderer Weise kompetent und berufen, die Diagnosen der behandelnden Ärzte zu überprüfen, zu korrigieren und unangenehm häufige wie z. B. die einer posttraumatischen Belastungsstörung als Zeichen von "inflationärer Diagnosestellung" zu bewerten. Diese Kompetenz zur Korrektur und Bewertung der Arbeit ihrer niedergelassenen Kollegen muss Kraft Amtes daherkommen, denn in der medizinischen Ausbildung unterscheiden sich diese Ärzte nicht von den behandelnden Ärzten, und als Ärzte wären sie derselben medizinschen Lehre verpflichtet.
  5. Der IV-Apparat definiert, unterstützt von einem eigens gezimmerten juristischen Rahmenwerk, welches dies ermöglicht, eigene Begriffe von Gesundheit und Krankheit, die den selbst gesteckten ökonomischen Zielsetzungen zweckdienlicher sind und mit geltenden medizinischen Erkenntnissen nicht zur Deckung gebracht werden müssen. Die ärztliche Beurteilung des Behandlers kommt dabei bestenfalls noch in den Rang einer Empfehlung und ist für die IV ebenso wenig relevant wie die WHO-Definition von "Gesundheit". Das ist der Grund, warum "Aussenstehende" (gemeint sind wohl die Personen und Professionellen, die besonders intensiv mit der Situation des Patienten vertraut sind) die Entscheide der RAD-Ärzte und der IV oft nicht verstehen: die Entscheide reflektieren nicht primär den medizinischen Gesundheitszustand und die tatsächliche Beeinträchtigung, sondern das IV-eigene Definitions-/Bezugssystem und die IV-eigenen Zielsetzungen.
  6. Die Tätigkeit der IV- oder RAD-Ärzte und die Inhalte der Versicherungsmedizin sehen aus wie Medizin, sind aber keine Medizin! Stattdessen nutzt die Versicherungsmedizin medizinisches Wissen, um nicht-medizinische Interessen durchzusetzen. Die Methode der Versicherungsmedizin besteht darin, unter gezieltem (geschultem) Einsatz sämtlicher juristisch verfügbarer Mittel und Ausschöpfung aller medizinischen Grauzonen den Versicherungsanspruch der einzelnen Versicherten im Krankheitsfall zu minimieren. Der Versicherungsmediziner hat einen Entscheidungsspielraum im Rahmen der gesundheitspolitischen und versicherungsökonomischen Zielsetzungen. Es heisst, er diene damit der Gesellschaft. Er ist aber gerade nicht der Garant für eine umsichtige und nachhaltige medizinische Versorgung des betreffenden Patienten und dessen bestmögliche Heilungsprognose. Für viele Patienten, insbeosndere solche mit psychischen Störungen stellen seine Entscheide ein Gesundheits- und Heilungsrisiko dar und erschwerden die nachhaltige medizinische Behandlung. In diesen Fällen verteuern sie sie auch!

One Response to “Regionaler Ärztlicher Dienst (RAD) im Spannungsfeld verschiedener Interessen?”

  1. Annika sagt:

    Der Job der RAD Ärzte ist wirklich alles andere als leicht. Ich bin beigeistert von dem Artikel, denn er zeigt genau den Zwiespalt auf. Es sind ausgebildete Ärzte, die aber ganz andere Interessen verfolgen als es die Gesellschaft von den "Göttern in weiß" erwartet.
    Ich finde den Bereich sehr interessant, könnte mir aber diese Arbeit nie für mich selbst vorstellen. Das Wohl des Einzelnen steht für mich viel höher, ich möchte auch mehr und tieferen Kontakt zu den Patienten haben.
    Ich bin froh, dass ich jetzt einen neuen Job in einem Krankenhaus gefunden habe und mich 2016 neuen Herausforderungen stellen kann 🙂

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