Psychisch krank – Was sage ich wem? Zum Umgang mit dem psychiatrischen Stigma

Eine der häufigsten Sorgen meiner Patientinnen und Patienten kreist um die Frage des richtigen Umgangs mit ihrer Erkrankung gegenüber ihrem sozialen und insbesondere auch beruflichen Umfeld. Typische Fragen an mich lauten: "Wie verhalte ich mich gegenüber meinen Freunden?" "Soll bzw. muss mein Arbeitgeber von meiner psychischen Krankheit erfahren?" "Was sage ich wem?" Der Wunsch nach Offenheit konkurrenziert mit Ängsten vor sozialer Ablehnung und beruflichen Nachteilen. Diese Ambivalenz ist Ausdruck eines tatsächlich vorhandenen und ungelösten gesellschaftlichen Problems: dem psychiatrischen Stigma.

Mit dem psychiatrischen Stigma wird die Tatsache bezeichnet, dass ein Mensch, bei dem einmal eine psychische Problematik bekannt geworden ist, praktisch lebenslang mit dieser Problematik identifiziert bleibt, das Etikett "psychisch krank" also in den Augen der Gesellschaft (und meist auch in den eigenen) nie wieder los wird. Damit verbunden ist im sozialen und beruflichen Umgang ein Verlust der "gleichen Augenhöhe", im persönlichen Empfinden zumeist eine bedeutsame Minderung des Selbstwertgefühls, die auch in völlig krankheitsfreien Phasen nie ganz abgelegt werden können. Die Stigmatisierung durch eine psychische Krankheit entwickelt oft eine Eigendynamik und hat langfristige negative Auswirkungen auf die Betroffenen, die bei sensiblen Patienten durchaus den Charakter einer eigenständigen "Zweiterkrankung" annehmen können. Ich habe nicht selten Patienten erlebt, bei denen sich ständige neue seelische Verletzungen durch ein stigmatisierendes Umfeld zum gravierendsten Heilungshindernis auswuchsen.

Es ist sicher nicht möglich und sinnvoll, eine einfache Antwort für jede Betroffene/jeden Betroffenen und jede Situation zu geben. Wegen der grossen Bedeutung dieser Problematik sowohl für den Heilungsverlauf als auch für die Chancen einer gelingenden sozialen und beruflichen Re-Integration möchte ich hier dennoch eine Art "Grundhaltung" skizzieren, die sich in vielen Jahren der Auseinandersetzung mit dieser Thematik für viele Fälle als praktikabel und als der beste "Kompromiss" herauskristallisiert hat. Diese Grundhaltung erwächst aus der Überzeugung, dass

  1. das Stigma, wenn es einmal aufgetreten ist, nicht mehr überwunden werden kann
  2. ein verantwortungsbewusster Umgang mit einer psychischen Erkrankung gleichermassen die Bedürfnisse des sozialen und beruflichen Umfeldes sowie das eigene Schutzbedürfnis reflektieren muss
  3. die Verhinderung einer Stigmatisierung – sofern sie mit einem verantwortungsbewussten Umgang vereinbar ist – stets die favorisierte und anzustrebende Lösung sein muss

Ich empfehle deshalb meinen Patienten, mit ihrer psychischen Erkrankung ähnlich zu verfahren, wie sie es mit einer körperlichen Erkrankung tun würden. Ist das Leiden unübersehbar bzw. längerfristig nicht zu verbergen, kann man auch das Stigma nicht vermeiden und muss einen möglichst würdevollen Umgang finden. Offenheit führt hier bei Freunden und Arbeitgebern oft (aber nicht immer) zu den besten Ergebnissen. Ist das Leiden hingegen ausgeheilt und ein Rezidiv nicht in Sicht, empfehle ich heilsames Schweigen. Es wäre doch sehr merkwürdig, wenn jemand in seinem Bewerbungsschreiben oder im Ausgang von seiner Hämorrhoiden-Operation oder einer früheren Gallen-Kolik erzählt, sofern dies für die zukünftige Arbeitstätigkeit oder den gelungenen Abend mit Freunden keinerlei Relevanz hat. Liegt hingegen eine ernsthafte, ansteckende oder gar todbringende Krankheit vor, die absehbar die Arbeitsleistung einschränken oder die Stimmung im Ausgang belasten wird, gebietet es die Verantwortung und Fairness gegenüber dem zukünftigen Arbeitgeber bzw. den Freunden, zumindest soweit über die Situation aufzuklären, dass sich jeder davon Mitbetroffene ein angemessenes Bild machen und seine Konsequenzen daraus ableiten kann.

Haben Sie eigene Erfahrungen mit psychiatrischer Stigmatisierung und/oder Idee, wie man diese vermeiden oder mit ihnen umgehen kann? Dann freue ich mich auf Ihre Kommentare!

 

One Response to “Psychisch krank – Was sage ich wem? Zum Umgang mit dem psychiatrischen Stigma”

  1. Almut sagt:

    Toller Artikel, wir freuen uns auf den nächsten!

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