Qualitätskriterien

Was ist medizinische Qualität?

Der Zeitgeist will glauben machen, die Begriffe "günstig", "standardisiert" und "managed" seien medizinische Qualitätskriterien. Obwohl das vermutlich nicht einmal ein medizinischer Laie wirklich glaubt, gibt es kaum öffentlichen Protest gegen diese Propaganda, die die Grundlage bildet für aktuell erst zu einem kleinen Teil umgesetzte radikale Veränderungen in der öffentlichen Gesundheitsversorgung und in den Heilberufen.

Gegen die allgemeine Erstarrung möchte ich, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, am Beispiel meines eigenen Fachgebietes, der Psychiatrie und Psychotherapie, eine Liste mit medizinischen Qualitätskriterien eröffnen, die jederzeit und von jedermann ergänzt werden darf.

In der Psychiatrie und Psychotherapie gilt als Qualitätskriterium,

  • wenn jeder Patient jederzeit niederschwellig, direkt und frei einen Therapeuten seines Vertrauens aufsuchen und auch wieder verlassen kann und nicht erst wie unter "Managed Care" einen "Gatekeeper" aufsuchen muss, von dessen Fachkenntnis, Gunst und Budget es dann abhängt, ob eine Überweisung zum Fachmann erfolgt oder Hausarztmedizin ausreichen muss.
  • wenn sich Ärzte wie andere Selbständig auch frei niederlassen dürfen und der "Gesundheitsmarkt" durch die freie Arztwahl der Versicherten auf natürlich Weise "reguliert" wird.
  • wenn sowohl Patienten als auch behandelnde Ärzte jederzeit die Möglichkeit haben, eine Zweitmeinung einzuholen
  • wenn Psychotherapie nicht unter Zeitdruck stattfinden muss, sondern für jeden Patienten und jede Erkrankung das individuell erforderliche Zeitmass zur Verfügung steht
  • wenn der Therapeut finanziell und ideologisch unabhängig ist und sich deshalb erlauben kann, seinen Beruf nach bestem Wissen und Gewissen und zum Wohl des Patienten ausüben zu können.
  • wenn der Therapeut über eine solide therapeutische Ausbildung verfügt
  • wenn der Therapeut darüber hinaus auch Arzt ist, da psychische Störungen eine Vielzahl an Ursachen haben können und nicht ganz selten Folge oder Ausdruck körperlicher Erkrankungen sind oder durch körperliche Erkrankungen beeinflusst werden
  • wenn die fachliche (und persönliche) Qualifikation und Eignung als Grundlage für die Erteilung einer Kassenzulassung dienen und nicht statistische oder andere medizinfremde Argumente
  • wenn der Therapeut ausgeruht ist und sich insbesondere nicht im Burnout befindet
  • wenn die therapeutische Arbeit personenzentriert und evidenzbasiert erfolgt, die Art und der Umfang der Interventionen sich also
    • nicht standardisiert danach ausrichten, welche Krankheit vorliegt, sondern danach,
      • welche Probleme das Leiden und die Versehrtheit jedes einzelnen Betroffenen bedingen,
      • in welcher hierarchischen Anordnung diese Probleme angegangen werden müssen, um das Leiden und die Versehrtheit mindern zu können und
      • wie die jeweils unterschiedlichen Ressourcen der Betroffenen am besten für die Heilung aktiviert werden können
    • nicht standardisiert danach ausrichten, welche Therapiemethode der Therapeut anbietet oder zum Leistungsumfang des Versicherers gehört, sondern danach,
      • welche Behandlung der Patient für seine Genesung nutzen kann und
      • mit welchem Angebot Patient und Arzt gemeinsam zum Erfolg kommen können
  • wenn der Patient sich nicht der Therapieschule bzw. therapeutischen Ausrichtung des Therapeuten anpassen muss, sondern sich das therapeutische Angebot am Leiden und an den Bedürfnissen des Patienten orientiert
  • wenn Entscheidungskompetenz und Therapieverantwortung nicht künstlich aufgespalten und zwischen verschiedenen Akteuren neu verteilt werden, sondern der behandelnde Therapeut, der vom Patienten mit der Durchführung der Therapie beauftragt und für das Therapieergebnis verantwortlich ist, auch die Entscheidungskompetenz über die Wahl der Methode, der eingesetzten Mittel/Medikamente sowie der Behandlungsdauer behält. Alles andere ist im Grunde verantwortlungslos! Die zwei grundlgenden Prinzipien ärztlicher Verantwortung lauten unverändert:
    • Jeder darf nur das entscheiden, wofür er kompetent ist und
    • Jeder muss das verantworten, was er entschieden hat.
  • wenn in Kenntnis der Komplexität und Irrtumsmöglichkeiten medizinischer und insbesondere psychiatrischer Begutachtung in einer "Patt-Situation" zwischen behandelndem Arzt und Versicherungsmediziner jeder Begutachtete grundsätzlich das Recht auf eine weitere unabhängige Begutachtung erhält und die Inanspruchnahme des Rekursrechtes nicht durch Einführung hoher Rekursgebühren behindert wird
  • wenn solche Versicherungsmodelle gefördert werden, deren Leistungsumfang sich an den genannten und anderen gültigen medizinischen Qualitätskriterien und einer guten Versorgung der Patienten orientieren, und eben nicht Modelle wie z. B. Managed Care, die vorrangig auf die Gewinnung der Kostenkontrolle und die Rationierung medizinischer Leistungen ausgerichtet sind, den Zugang der Versicherten zu Ärzten systematisch erschweren und paradoxer Weise noch von der Gemeinschaft der Versicherten selber und den ohnehin knappen Versichertengeldern finanziert werden müssen.

Weitere Forderungen an die medizinische Qualität könnten lauten:

  • Psychiater sollten sich so oft wie möglich persönlich von der Lebens- und Arbeitssituation der Patienten überzeugen.
  • Insbesondere kein psychiatrischer Gutachter sollte sein Urteil abgeben, ohne den Patienten auch in seiner häuslichen Situation persönlich aufgesucht oder sich darüber aus erster Hand von einer qualifizierten Fachperson informieren zu lassen
  • Transkulturelle Aspekte der Medizin und insbesondere der Psychiatrie und Psychotherapie sind mit Nachdruck zu erforschen und die Erkenntnisse bereits in die Arztausbildung und in die Facharztweiterbildung zum Psychiater aufzunehmen. Dies nicht, um Migranten noch "žprofessioneller" als jetzt schon von zustehenden Versicherungsleistungen fernzuhalten, sondern um kulturspezifische Besonderheiten psychischer und somatischer Störungen besser zu verstehen und diesen Patienten ein suffizientes therapeutisches Angebot machen zu können.
  • ICD-, DSM-Kataloge und Guidelines sollten als Hilfestellungen zur Verfügung stehen, aber keinesfalls als einzig gültiges Kommunikationsmittel gegenüber Versicherern
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